Autor: cali

  • Aufruf zur Mitzeichnung

    GARNISONKIRCHE POTSDAM – DIE VERBINDUNGEN ZU RECHTSEXTREMEN BRECHEN!

    Am kommenden Donnerstag, den 22. August wird unter Beteiligung des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier der wiederaufgebaute Turm der Garnisonkirche Potsdam eröffnet. Der Bau ist nicht nur ein zentrales Symbol für den preußisch-deutschen Nationalismus, sondern seit über hundert Jahren auch für Rechtsextreme. So ist es bezeichnend, dass die Veteranenvereinigung der Waffen-SS HIAG zur Deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 eine große Abbildung des Baus kommentarlos auf dem Cover ihrer Verbandszeitschrift platzierte. Und die rechtsextreme Zeitschrift Compact begrüßte mit einem dreiseitigen Artikel unter dem Titel „Preußens Herz muss wieder schlagen!“ das Wiederaufbauprojekt im Januar 2018 und erneut im Dezember 2023 (siehe unten).

    Der Lernort Garnisonkirche Potsdam und sein wissenschaftlicher Beirat, die das Projekt seit 2020 kritisch begleiten, fordern daher in einem Brief den Bundespräsidenten als Schirmherr des Projektes auf, sicherzustellen, dass das Projekt keine Anschlussfähigkeit für Rechtsradikale mehr bietet. Daher soll die Stiftung Garnisonkirche Potsdam:

    –              ihre Satzung ändern und keinen Bezug mehr nehmen auf den „Ruf aus Potsdam“ von 2004, dem eine geschichtsrevisionistische Täter-Opfer-Umkehr zu Grunde liegt.

    –              darauf verzichten, den Kirchturm mit dem noch fehlenden militärischen Bauschmuck und der Turmhaube zu versehen, und damit einen für jeden sichtbaren Bruch zur historischen Baugestalt vollziehen.

    –              endgültig und bedingungslos auf den Nachbau des Kirchenschiffs verzichten und eine Koexistenz mit dem Bau des Rechenzentrums dauerhaft zustimmen, so dass die Geschichte des Ortes mit Bau und Gegenbau auch für zukünftige Generationen lesbar bleibt.

    Wir möchten Euch einladen und auffordern, den Brief online mit zu zeichnen! Über diesen Link:

    https://weact.campact.de/petitions/garnisonkirche-potsdam-die-verbindungen-zu-rechtsextremen-brechen

    Ebenso wären wir dankbar, wenn ihr auch in Euren Netzwerken Eure Freunde und KollegInnen darauf aufmerksam macht und dazu einlädt.

    Der Lernort Garnisonkirche und sein wissenschaftlicher Beirat

    Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper, Prof. Dr. Michael Daxner, Prof. PhD Geoff Eley, Prof. Dr. Karen Hagemann, Prof. PhD Susannah Heschel, Prof. Dr. Horst Junginger, Dr. Anette Leo, Prof. Dr. Philipp Oswalt, Prof. Dr. Andreas Pangritz, Dr. Agnieszka Pufelska, Prof. Dr. Wolfram Wette, Probst i.R. Michael Karg als Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung, Carsten Linke für den Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.

  • Der Turm geht offline

    „Der Turm stürzt ein – Der Turm stürzt ein – Halleluja der Turm stürzt ein“. Noch nicht. Der Ton-Steine-Scherben-Song beginnt mit „Auf den Asphaltfeldern grasen goldene Kälberherden Tag und Nacht …“ Nun ist der Tag gekommen, uns sie grasen neben dem golden Kalb an der breiten Asphaltstraße. Sie wollen ihren Turm, ihren Aussichtsturm mit Gebetsanschluss einweihen. Am 22. August ist es soweit. Mit vielen, vielen Jahren Verspätung wird das immer noch unfertige Streitobjekt in Nutzung genommen; unversöhnlich.

    Anlässlich des Besuchs des Bundespräsidenten Steinmeier (SPD) in seiner Eigenschaft als Schirmherr des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, ruft die BI für Potsdam ohne Garnisonkirche zum Protest auf:

    „Vor 100 Jahren wurden Sozialdemokrat*innen in Potsdam von Nazis ermordet, die sich in der Garnisonkirche für ihre menschenverachtenden Sehnsüchte den Segen Gottes abholten. Heute nennen Sozialdemokrat*innen die steuerfinanzierte Kopie des reaktionären Symbolbaus ihr Eigen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird als Schirmherr des gottlosen Militärtempels mit allerhand Politprominenz am 22. August in der Breiten Straße aufwarten. Mit einer Festansprache, Musik und Turm-Begehung eröffnen sie die vom Bundesverteidigungsministerium finanzierte Ausstellung und geben den Startschuss für eine weitere preußische Disneyland-Schaubude in Potsdam, ohne Sinn und Verstand – einfach WOW!

    Mit atemberaubender Skrupellosigkeit hat ein unseliges Bündnis aus Staat, Kirche und Militär unter dem Vorwand der „Versöhnung“ ein Denkmal der Täter*innen in unsere Stadt gepflanzt. Eine unendliche Geschichte eines beispiellosen Skandals lässt sich erzählen: über Geschichtsklitterung, Tricksereien, Kungeleien, Machtspiele, Missbrauch von Gedenkstättenmitteln, das jahrzehntelang währende Versprechen der vollständigen Spendenfinanzierung. Am Ende haben sie ihren preußischen Luxusturm gebaut, auf Kosten der Allgemeinheit und ohne echte demokratische Beteiligung der Stadtgesellschaft. Im Gegenteil, der Widerstand gegen den Wiederaufbau wurde sogar permanent diskreditiert und bekämpft, auch nachdem in Rekordzeit 16.000 Menschen das Bürger*innenbegehren gegen den Wiederaufbau unterschrieben. Soziokreative, basisdemokratische Orte wie das Rechenzentrum sind für Barockextremist*innen nur leidige Hindernisse auf dem Weg zum ultimativen Preußen-Freilichtmuseum.

    Reaktionäre Monotheist*innen, Militär- und Preußenfans und Politprominenz: Euer Gesülze von Versöhnung hängt uns zum Hals heraus!

    Es ist und bleibt die Nazi-Kirche gegen Bürger*innenwillen! Kommt vorbei und bringt alles mit, was Lärm macht!“

    Beginn des Protests: 9:30 Uhr mit Morgenfluch; Wo: Breite Straße vor der IHK; Start der Eröffnungsveranstaltung ist gegen 11:00 Uhr

  • provisorisch verfasst, grundgesetzlich

    Am 8. Dezember 1990 traf sich in Potsdam das „Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder“.  Erklärtes Ziel war es, einen Verfassungsentwurf für das vereinigte Deutschland „als wichtigstem Element des Zusammenwachsens“ vorzulegen.

    Der Kongress in Potsdam war einer von insgesamt drei arbeitsintensiven Kongressen. Zwei davon fanden an zentralen Orten der deutschen Verfassungsgeschichte statt: am 16. September 1990 unter dem Titel „Verfassung mit Volksentscheid“ in Weimar, und am 18. Mai 1991 in der Paulskirche in Frankfurt am Main, auf den Tag genau 143 Jahre, nachdem sich dort das erste deutsche Nationalparlament konstituiert hatte.

    Zu dem Kuratorium gehörten fast 200 Menschen; unter anderem Wolf Biermann, Otto Schily, Marianne Birthler, Fritz Pleitgen, Bärbel Bohley, Tatjana Böhm, Lea Rosh, Jürgen Habermas.

    Die Forderungen des Kuratoriums nahmen viele Punkte des Entwurfs der AG „Neue Verfassung“ auf: die Trennung von Staat und Kirche, das Recht auf Wohnung und Arbeit, Umweltschutz als Staatsziel, die Stärkung des Föderalismus und nicht zuletzt plebiszitäre Elemente und die Bestätigung der neuen Verfassung durch einen Volksentscheid.

    Die AG „Neue Verfassung“ war ein „Kind“ des Rundes Tisches aus der revolutionären Zeit 1989/1990. Sie hatte eine neue Verfassung für die DDR verfasst. Hier der Link zum Ergebnis: http://www.documentarchiv.de/ddr/1990/ddr-verfassungsentwurf_runder-tisch.html

    Der Entwurf war auch als Grundlage für eine neue gesamtdeutsche Verfassung gedacht. Daraus wurde nichts. Vielleicht lag es daran, dass es um Anschluss und nicht um Vereinigung ging. Oder es lag an den progressiven und partizipativen Elementen des Entwurfs. Der Entwurf, der am 5. April 1990 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, umfasste unter anderem soziale Grundrechte wie das Recht auf Arbeit, Wohnung, Bildung und soziale Sicherheit, das Streikrecht und ein Aussperrungsverbot. Plebiszitäre Elemente wie eine Gesetzgebung durch Volksentscheid waren vorgesehen.

    Heute feiert die Bundesrepublik 75 Jahre Grundgesetz. 75 Jahre Provisorium. Warum? Wieso haben es die Regierungen in den letzten 30 Jahren nicht geschafft oder gewollt, eine neue Verfassung zu etablieren, um so das Verständnis für Demokratie, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit auch zu schärfen? Auch „moderne“ Elemente der Mitbestimmung und Entscheidungsfindung hätte voraussichtlich mehr Erfolg bezüglich Debattenkultur und Demokratieverständnis gebracht, als ein dreitägiges Straßenfest in Berlin mit Werbeständen der Länder, Kugelschreibern und Luftballons.

    Wäre der 75. Jahrestag des Grundgesetzes, der auch als der 75. Jahrestag der Bundesrepublik zählt, nicht der geeignete Zeitpunkt gewesen, wenigsten den provisorischen Charakter des Grundgesetzes aufzuheben? Der Artikel 146 kann historisch erklärt und begründet werden. Sachlich begründen, weshalb wir ihn heute noch brauchen, kann ihn wohl niemand. Oder wollen wir Deutschland noch erweitern? Ist die Vereinigung territorial noch nicht abgeschlossen? So super der Artikel 1 des Grundgesetzes ist, so überflüssig ist der Artikel 146. Er lautet: „Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“ Wenn ein Artikel dieses Grundgesetzes sinnfrei ist, welchen Wert haben dann die anderen 145 Artikel des GG? Wie ernst meinen wir die Menschenwürde in ersten Artikel des Grundgesetzes, wenn wir den Auftrag des letzten Artikels nicht ernst nehmen?

    Wenn wir schon keine „freie Entscheidung“ zur gesamten Verfassung haben, so sollte doch der Art 146 zeitnah durch eine Volksabstimmung abgeschafft werden und das Provisorium Grundgesetz somit zu einer „echten“ Verfassung werden.

    Natürlich kann einer solcher Akt auch genutzt werden, um die Verfassung zu modernisieren und zu erweitern. Dabei sollte auch über die Bürde der im Grundgesetz festgeschriebenen Kleinstaaterei (genannt Föderalismus) nachgedacht werden. Globale oder komplexe Themen wie Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, ein nachhaltiges Wirtschaftssystem oder Bildung bedürfen nicht 16 verschiedenen Lösungsansätzen, die dann noch mit jeder Legislatur neu ausgedacht werden. Demokratie und staatliche Verfasstheit sind keine starren Gebilde, sondern müssen gelebt und weiterentwickelt werden. Mehr Teilhabe bedeutet auch mehr Demokratie.

    Es wäre doch zu schön gewesen, wenn 1990 von Potsdam ein Impuls für eine neue Verfassung Deutschlands, eine neue Nationalhymne und ein neues Staatssymbol ausgegangen wäre und Potsdam nicht nur mit dem Tag von Potsdam und das Potsdamer Abkommen in die Verfassungsgeschichte eingegangen wäre.

    Ein Beitrag des Büros für politische Angelegenheiten

    Eine Leseempfehlung zum Thema Verfassung:

    https://www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/546089/verpasste-chancen-die-gescheiterte-ddr-verfassung-von-1989-90

  • Wahl ohne Qual

    „Wer die Wahl hat, hat die Qual.“ Ein Sprichwort, welches für die Kommunalwahl nicht wirklich gilt. Seit Wochen grinsen uns Gesichter von den Laternen an. Ohne Inhalt. Einige halten das Wahlvolk für besonders dusselig, indem sie auf diese Papierverschwendung auch noch schreiben: „Unsere Kandidatin…“. Was sonst? Leider unterscheidet sich in dieser Plattheit nicht mal die SPD von der AfD. Plakate werden demoliert. Andere „verlangen“ nach Kommentierung (wenn es nicht Sachbeschädigung wäre, zu der wir hier nicht aufrufen!). Das FDP-Plakat erinnert an Lindners Aufruf „Lust auf mehr Überstunden“. Mit der Ergänzung ergebe sich „Potsdam kann mehr Überstunden – FDP“.

    Zu den inhaltslosen oder -armen Plakaten zur Kommunalwahl (mit Ausnahme der nicht dreibuchstäblichen Parteien) gibt es zahlreiche Flyer an den verschiedensten Straßenecken. Wahlversprechen. Meist halten diese nicht lange. Manche werden sogar schon vor der Kommunalwahl gebrochen. So am 16.05.24 (gestern) in der Stadtverordnetenversammlung. Ein Antrag von DIE aNDERE sah vor, dass die ProPotsdam keine Immobilien mehr verkaufen darf. Der Antrag ist an der spezialdemokratischen Fraktion gescheitert. In ihrem Wahlprogramm steht „Wir schaffen die Voraussetzungen dafür, dass die Pro Potsdam ihren Neubauzielen gerecht werden kann, ohne Wohnungsbestand zu verkaufen. Flächen und Gebäude in kommunalem Eigentum werden wir nicht veräußern und nach Möglichkeit einst verkaufte Flächen und Gebäude zurückkaufen.

    Weiter können Realität und Versprechen kaum auseinander liegen. Jetzt werden zahlreiche Gebäude verkauft und nicht in Erbbaupacht oder anderen Mieter:innenmodellen als städtisches Eigentum erhalten. Die Konservativen klatschen Beifall und verweisen auf den sozialen Auftrag der ProPotsdam. Ganz nach dem Motto „Macht ihr mal die Pflicht, wir verdienen uns an der Kür eine goldene Nase.“ Die SPD als Helfershelferin der Verdrängung und Wahlversprechen-Brecherin.

    Zahlreiche Vereine und Institutionen haben im Vorfeld der Wahl sogenannte Prüfsteine erarbeitet und die Antworten der Parteien und Wählergruppen veröffentlicht. So z.B.: https://klimawahl-potsdam.de/

    Ab heute können die Potsdamer:innen auch den „kommunalen Wahl-O-Mat“ auf voto nutzen. Das ist eine Kooperation der Uni Potsdam, der PNN und Voto. 40 Aussagen können bewertet werden. Die Möglichkeit der Wichtung der Antwort und die oben mitlaufende Anzeige der Prozentzahlen machen diesen Wahl-O-Mat zu einem interessanten Instrument. Auch die Frage nach dem Immobilienverkauf durch die Pro Potsdam ist eine der 40 Kriterien.

    Wer die Wahl hat, hat eine Chance der Mitbestimmung.

  • Kriegsverrat ist Friedenstat!

    Wir laden gern im Namen des „Vereins zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam“ herzlich zur Eröffnung der Ausstellung zu Leben und Wirken des Wehrmachtsdeserteurs Ludwig Baumann ein.

    Am Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung am Mittwoch, 15. Mai 2024, 17:00 Uhr wird die Ausstellung „Kriegsverrat ist Friedenstat“ vor dem Filmmuseum Potsdam in der Breiten Straße eröffnet.

    Die Veranstaltung ist Teil der Aktionswoche der „object war campaign“. Die Ausstellung wird ergänzt um eine Filmvorführung. „Die Liebe zum Leben“ mit und über Ludwig Baumann am Donnerstag, 06.06.24, 19 Uhr im Filmmuseum!

    Mehr zur Aktionswoche und zum Dokumentarfilm nachstehend.

    Aktionswoche „objekt war campaign“ :

    Rund dreißig Organisationen aus Deutschland rufen zu einer Aktionswoche zum Schutz für all diejenigen auf, die in Russland, Belarus und der Ukraine den Kriegsdienst verweigern. Die Aktionswoche wird rund um den 15. Mai, dem Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung, stattfinden. Zwei Jahre nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine gibt es weiter keinen Schutz für diejenigen aus Russland und Belarus, die sich nicht an dem völkerrechtswidrigen Krieg beteiligen wollen. Und auch die Ukraine erkennt kein allgemeines Recht auf Kriegsdienstverweigerung an; einige Verweigerer wurden sogar zu Gefängnisstrafen verurteilt.

    Es gibt mindestens 250.000 Militärdienstpflichtige aus Russland, die seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine das Land verlassen haben und Schutz in anderen Ländern suchen. Schätzungsweise 22.000 belarussische Militärdienstpflichtige haben ihr Land verlassen, weil sie sich nicht an einer möglichen Beteiligung am Krieg in der Ukraine beteiligen wollen. In der Ukraine wird die Zahl der Männer, die versuchen, sich dem Kriegsdienst zu entziehen und in die EU geflohen sind, nach Zahlen von Connection e.V., auf 325.000 geschätzt. Viele Tausend verstecken sich auch innerhalb des Landes. Die Ukraine erkennt kein allgemeines Recht auf Kriegsdienstverweigerung an; die bestehenden Regelungen werden gerade weiter verschärft.

    Sie alle müssen wegen ihrer Haltung gegen den Krieg eine mehrjährige Verfolgung befürchten. Sie hoffen auf Schutz in der Europäischen Union.

    „Es ist eine Schande, dass die europäischen Staaten der Ukraine unbegrenzte Unterstützung zusagen, aber gleichzeitig denjenigen keine Zuflucht gewähren, die sich an dem Krieg nicht beteiligen wollen. Damit wird hingenommen, dass Menschen gegen ihren Willen zu Mittäter*innen in diesem völkerrechtswidrigen Krieg gemacht werden“, so Dr. Christine Schweitzer vom Bund für Soziale Verteidigung.

    „Angesichts des Krieges in der Ukraine brauchen wir eine klare Zusage der deutschen Bundesregierung und der europäischen Institutionen“, so Rudi Friedrich vom Kriegsdienstverweigerungs-Netzwerk Connection e.V., „dass bei Desertion und ausdrücklich auch bei Militärdienstentziehung in Russland Flüchtlingsschutz garantiert wird. In bisherigen Asylverfahren werden die Betroffenen nach wie vor abgelehnt. Ein echter Schutz für alle, die sich dem Krieg verweigern, ist schon lange überfällig.“ Aber die Quote der Asyl-Anerkennungen von russischen und belarussischen Verweigerern hat sogar abgenommen, wie Zahlen des Bundesinnenministeriums zeigen.

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    Dokumentarfilm „Die Liebe zum Leben“ von Annette Ortlieb

    D 2023, 63 Minuten; Prädikat besonders wertvoll

    30.000 Deserteure wurden in Deutschland während des 2. Weltkriegs zum Tode verurteilt. Einer von ihnen ist der Bremer Ludwig Baumann. Er überlebt Todesstrafe, KZ und Ostfront. Aber selbst nach dem Krieg behält die Todesstrafe ihre Gültigkeit. Er kämpft 12 Jahre mit fast übermenschlichen Kräften auf allen gesellschaftlichen und politischen Ebenen für die Aufhebung aller Strafen gegen Deserteure. Schließlich ist er erfolgreich: 2002 – fast 60 Jahre nach Kriegsende – werden die Todesurteile endlich aufgehoben.

    Im Film erzählen Ludwig Baumann selbst, sowie die Unterstützerin und Freundin Ursula Prahm, der Historiker Detlef Garbe und die damalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin über ihre Begegnungen und den Kampf Ludwig Baumanns.
    Ein versöhnlicher und Mut machender Film.

    Annette Ortlieb hat als Autorin und Regisseurin ein beeindruckendes filmisches Porträt realisiert. Es gibt Einblick in die Tiefen der Nazi-Militär-Justiz, die ablehnende Haltung gegenüber Deserteuren in der Nachkriegszeit und die Langsamkeit von politischem Wandel. Ein Wandel, den es ohne Ludwig Baumann nicht gegeben hätte.

    Jurybegründung der FBW 2024 zum Prädikat besonders wertvoll:

    Mit ihrem Dokumentarfilm macht Annette Ortlieb auf einen Aspekt der bundesdeutschen Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit aufmerksam, um den kaum jemand weiß. Es geht um Deserteure unter den deutschen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs. Von den 30000 damals zum Tode Verurteilten haben nur wenige überlebt, und ihnen wurde in der Bundesrepublik weiter Unrecht angetan, weil sie nicht rehabilitiert wurden, weiter als vorbestraft galten und ihnen kaum Entschädigungsgelder zugesprochen wurden. Einer von ihnen war Ludwig Baumann, der sich als Aktivist für die Belange dieser meist lebenslang leidenden Opfer des deutschen Faschismus einsetzte und der maßgeblich dafür verantwortlich war, dass im Jahr 2002 die letzten Urteile der NS-Justiz gegen Wehrmachtsdeserteure aufgehoben wurden.

    Die Filmemacherin lernte Baumann in den 1990er Jahren kennen und sie begann 2012 mit den Aufnahmen zu diesem Film, die sie 2018 kurz vor seinem Tod beendete. So ist es ihr gelungen, diese Geschichte aus einer sehr persönlichen und dadurch immer konkreten Perspektive heraus zu erzählen, denn Baumann selber spricht hier von seiner Jugend in Hamburg, von seiner Desertation und Verurteilung, von den 10 Monaten in der Todeszelle, den Anfeindungen, die er in der jungen Bundesrepublik erdulden musste, und von seinem politischen Kampf. In diesen Passagen wird „oral history“ im besten Sinne des Wortes präsentiert, und durch sie bekommt man auch einen intensiven Eindruck davon, wie die traumatischen Erfahrungen die Persönlichkeit von Baumann geprägt haben. Denn dieser hatte eine komplexe, gebrochene Persönlichkeit, die sich zum Beispiel in einem ausgeprägten Kontrollzwang zeigte. Davon erzählt im Film Baumanns langjährige Wegbegleiterin Ursula Prahm, die vor der Kamera über das private Leben von Baumann berichtet.

    Über seinen politischen Kampf erzählen der Historiker Detlef Garbe und die ehemalige SPD-Justizministerin Herta Däubler-Gmelin. Und so ist es Annette Ortlieb gelungen, mit ihrem Film ein komplexes Porträt dieses streitbaren Menschen zu zeichnen, und zugleich auf ein Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte aufmerksam zu machen, das in diesen unfriedlichen Zeiten wieder erschreckend relevant geworden ist.

  • Ein Heim für die Kreativwirtschaft: Utopie und Realität

    Heute (26.04.2024) ist es sechs Jahre her, dass sich in der 36. Sitzung des Kulturausschusses nahezu alle Tagesordnungspunkte um die Kultur-, Kunst- und Kreativwirtschaft sowie die Zukunft des Rechenzentrums drehten.

    Tagesordnungspunkte:

    3.1 Weiternutzung Rechenzentrum

    3.2 Dauerhafte Unterbringung der Kultur- und Kreativwirtschaft

    3.3 Ein Kunst- und Kreativhaus für Potsdam

    3.4 Bürgerhaushalt 2018/19 Nummer 11: Rechenzentrum langfristig sichern (Aussetzung Sanierungsziel Abriss)

    4.1 B-Plan Nr.78, Erhalt des Kunsthauses „sans titre“

    4.2 Räume für Kulturschaffende und Kreative

    Bei diesem TOP 4.2 wurden die Ergebnisse des „Szenario-Workshops zur Strategieentwicklung für die Kultur- und Kreativwirtschaft in Potsdams Mitte“ vorgestellt.

    Von all den Ergebnissen ist im Zusammenhang mit der laufenden Baumaßnahme „KreativQuartier“ wenig oder nichts übrig geblieben. „Die Nutzenden können selbst den Betrieb und die operative Koordinierung übernehmen. Damit sind bedarfsspezifische selbstbestimmte Spielregeln und eine langfristige, nachhaltige und erfolgreiche Entwicklung gegeben. … Die Räume passen zu den Kultur- und Kreativschaffenden wie ein Maßanzug, das heißt, es gibt ein definiertes Raumkonzept mit einem Anteil hochflexibler Nutzungsmöglichkeiten.“ So hieß es im gemeinsam erarbeiteten Zielbild. Ein Kernaspekt sollte sein: „Es wird eine gemeinwohlorientierte Immobilienentwicklung geben, zum Beispiel mit einer Stiftung. Es wird eine Rechtsform gefunden, die die dauerhafte Sicherung des Standortes für die KKW garantiert.“ Lustig, wenn es nicht so traurig wäre.

    Heute hat die Ideal-Versicherung das Sagen beim Bauprojekt. Von Sicherheit und Gemeinwohlorientierung kann keine Rede mehr sein. Doch besonders bedenklich ist, dass auch alle anderen politischen Verheißungen durch die Stadtpolitik nicht eingehalten werden. Der Einfluss der Stadt auf das Projekt ist aufgrund von schlechter Vertragsgestaltung gering. Der Vertrag lässt dem Investor viele Schlupflöcher, so dass auch das politische Hauptziel und Versprechen, preiswerte Räume für die Kreativwirtschaft (8.000 qm von insgesamt 25.000 qm) nicht mehr erreichbar ist. Dies ist besonders problematisch, da der Investor das Grundstück zum Vorzugspreis bekam.

    Neun Euro sollte die vertraglich mit der Landeshauptstadt beschlossene Netto-Kaltmiete für diese Flächen betragen. Auf Grund zahlreicher Vertragsschwächen kommen nun folgende Kosten noch hinzu: eine Indexmiete (Indexierung nach Verbraucherpreisindex der an die Inflationsrate gekoppelt ist, also mehr als 1 Euro zusätzlich), die Kaltmiete für anteilige Gemeinschaftsfläche pro Gebäude (ggf. 10 % mit über 20,-/qm macht mindestens 2 € Zusatzkosten), weitere vier bis fünf (oder sechs) Euro pro Quadratmeter für Heiz- und Betriebskosten sowie Verwaltung und Management für Miet- und Gemeinschaftsflächen. Plus 19 Mehrwertsteuer, von der nicht alle Nutzenden befreit sind. Pi mal Daumen: 20 Euro pro Quadratmeter! Böse Zungen behaupten, dass die Indexmiete schon seit Mitte 2023 einsetzt und nicht erst zur Eröffnung (die ggf. 2026 sein wird) oder zum Erstbezug. Dann wäre es nochmals deutlich teurer. Auch weil sich jede Kostenerhöhung durch die Mehrwertsteuer um Faktor 1,19 steigert.

    Diese Kostentreiberei ist scheinbar normal, wenn einfallsreiche Kapitalist:innen auf ahnungslose Verwaltungen, schlechte Rechtsabteilungen und unzureichende politische Führung treffen.

    Übrigens: Die restlichen Flächen (ca. 17.000 qm) starten voraussichtlich mit einer Miete über 20 Euro pro Quadratmeter, ebenso netto kalt. Auch hier kämen die Kosten für die Gemeinschaftsflächen, Heiz- und Betriebskosten, Management usw. noch oben drauf.

    Fazit: Sechs Jahre nach den Workshops und der anschließenden Selbstbeweihräucherung bezüglich der vollmundigen Erzählungen ist Nüchternheit eingetreten. Ein Eingeständnis des Scheiterns seitens der Stadt fehlt noch. Da heute auch das Scheitern bei der Sicherung des Freilands bekannt wurde, stellen sich viele Fragen.

    https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/nach-intervention-der-kommunalaufsicht-potsdam-muss-verfahren-fur-freiland-sicherung-stoppen-11573516.html

    P.S. Die Tagesordnungspunkte vom Kulturausschuss am 26.04.2018, die Punkte 3.1 – 3.3 wurden verschoben. Beim TOP 3.4 wurde das Votum der Bürger:innen im Bürgerhaushalt zur RZ-Sicherung vom Ausschuss missachtet und das Ansinnen abgelehnt.

  • Zwei Ausstellungseröffnungen

    Die Ausstellungseröffnungen finden am Freitag den 19.04. um 18:30 Uhr im Treffpunkt Freizeit und am Samstag den 20.04. um 15:30 Uhr im Lernort Garnisonkirche (im RZ) statt.

    Erste Ausstellungseröffnung:

    Am Freitag den 19.04. um 18:30 Uhr im Treffpunkt Freizeit (Am Am Neuen Garten 64) wird die Ausstellung „Genozid an Rom*nja in der Ukraine“ 1941-1944″ eröffnet. An der Vernissage nehmen auch ukrainische Roma teil, die 2022 vor dem russischen Angriff nach Deutschland geflüchtet sind. Sie berichten unter anderem über aktuelle Erfahrungen mit Diskriminierung in der Ukraine und in Deutschland.

    Die Ausstellung kann bis zum 17. Mai besichtigt werden.

    Während des 2. Weltkrieges haben deutsche Besatzer in der Ukraine weit über 10.000 Rom*nja ermordet. Doch im Gedächtnis von Deutschen und Ukrainer*innen ist dieser Völkermord kaum verankert. Insbesondere die Erinnerung aus der Opferperspektive droht verloren zu gehen. Im Jahr 2018 traf ein deutsch-ukrainisches Projekt Dutzende Zeitzeug*innen in der Ukraine. Die Überlebenden sprachen vom Leid, das ihnen widerfuhr, aber auch vom Widerstand, den sie oder ihre Angehörigen leisteten. Sie berichteten von Kollaboration, aber auch von Solidarität durch ihre Nachbar*innen.

    Die Ausstellung zeigt das Bildungswerk für Erinnerungsarbeit und Frieden, Berlin.

    Mehr dazu unter Völkermord an Roma: Remember to resist (genocideagainstroma.org)

    Zweite Ausstellungseröffnung:

    Am Samstag, 20. April 2024, 15:30 Uhr im Lernort Garnisonkirche im Rechenzentrum Potsdam — verbunden mit 17:00 Uhr im Filmmuseum Potsdam: „Verständigung statt Atomrüstung!“
    Else Niemöller und die Westdeutsche Frauenfriedensbewegung“. Vortrag mit Filmbeispielen von Jeanette Toussaint.
    Anschließend Getränkeempfang im Foyer.

    Vortrag mit Filmbeispielen: Else Niemöller (filmmuseum-potsdam.de)

    Else Niemöller (1890 bis 1961) war Lehrerin, Mutter, Pfarrfrau und Friedensaktivistin. Ihrem international bekannten Ehemann Martin Niemöller – wegen seines Wirkens in der Bekennenden Kirche acht Jahre Hitlers persönlicher Gefangener – stand sie als Ratgeberin und Kritikerin zur Seite. Mit ihrem umfassenden theologischen Wissen hielt sie ihn vom Übertritt zum katholischen Glauben ab, den er während seiner KZ Haft erwog. Gemeinsam ging das Paar den Weg vom antidemokratischen Handeln hin zum entschiedenen
    Eintreten für Frieden und Völkerverständigung nach dem Krieg. Bis zu ihrem Tod engagierte sie sich in der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung, zuletzt als Ehrenpräsidentin.
    Die Ausstellung der Martin-Niemöller-Stiftung ist vom 20. April bis 17. Mai, Montag bis Freitag von 8:00 bis 20:00 Uhr geöffnet, am Wochenende auf Anfrage unter: besuch@lernort-garnisonkirche.de.

    Ausstellung über Else Niemöller wandert erfolgreich durch Deutschland – Martin Niemöller Stiftung (martin-niemoeller-stiftung.de)

  • Ein Lied für den Frieden

    Wir brauchen ein Lied für die Garnisonkirche. Ein Friedenslied. Niemand nutzt das Wort Frieden mehr als die Stiftung Garnisonkirche.

    Gibt jemand „Kirche Frieden Potsdam“ in die bekannteste Suchmaschine ein, kommen viele Einträge zur Friedenskirche. Das ist ärgerlich. Lautet die Eingabe aber „Garnison Frieden Potsdam“ kommt natürlich die Garnisonkirche zuerst. Ein Ort des Friedens. Ein Heil für uns alle, in diesen kriegerischen Zeiten. Der junge Pfarrer Kingreen und die Stiftung glauben, dass Glauben immer hilft. Und sie denken, trotz gegenteiliger Belege, dass die alte Wetterfahne des Soldatenkönigs Gottesfurcht ausdrückt: „Nec soli cedit“. Nicht einmal der Sonne weicht er, genau wie sie. Und sie hoffen, dass es beim Wiederaufbauprojekt keine Misstöne gibt, sondern nur eine Vielstimmigkeit, und auch die letzten Ungläubigen den Weg des Friedens finden werden.

    Diese neue Kapelle mit ihrem Aussichtsturm ist ein Verwandlungs- und Multitalent. Initiiert von Rechten, Konservativen und Leichtgläubigen hat sie sich das Projekt zum Hort der Friedens-, Versöhnungs- und Bildungsarbeit gewendet. Der Weg dahin war und ist mit Stolpersteinen gepflastert. So ist die Stiftung nicht bereit, sich vom „Ruf aus Potsdam“ zu distanzieren, der sehr wohl von einem nationalistisches Opfernarrativ geprägt ist (und u.a. von Alexander Gauland mitunterzeichnet wurde). So geht Versöhnung.

    Ihre Füße richten sie nun auf den Weg des Friedens und behalten aber einen militärischen Namen: Garnisonkirche. Ist dies gelebte Konversion oder muss der Friede wieder bewaffnet sein? Sie hätten sich auch Heilig-Kreuz-Kapelle nennen können. Das hätte mehr Bezug zum Christentum und zur Geschichte des Objektes gehabt. Denn schon die Christen in der DDR gaben sich für ihr kleine Turmkapelle, in Kenntnis der Geschichte der Garnisonkirche, einen neuen Namen. Die wiedervereinigten Deutschen geben dem Ganzen hingegen wieder den Impetus des Preußischen, des Nationalen. Ein großes „geeintes“ Deutschland muss auch groß denken. Sie glauben, mit den Nagelkreuz auf dem alten Feldaltar ist nicht nur das Blut, sondern auch die Schuld getilgt. Eine tolle PR-Aktion. So wird Geschichte erinnert.

    Leider war der Name Friedenskirche in Potsdam schon vergeben. Auf einer Sanssoucci-Webseite steht: „Sie (die Friedenskirche) steht auch für den Wunsch des Königs nach Frieden und Versöhnung in einer Zeit, die von politischen Unruhen und Konflikten geprägt war. Ihre Weihe im Jahr 1848, ein Jahr der politischen Umbrüche in Europa, unterstreicht die Botschaft des Friedens, die von diesem Ort ausging.“ Auf solche Wortakrobatik muss mensch erst mal kommen. 1848 wünscht sich der kriegstreibende König (Friedrich Wilhelm IV) aus Angst vor Veränderung und Machtverlust, dass mit ihm versöhnlich umgegangen wird und nicht der Kopf abgeschlagen wird. Aus „Friede mit euch“, wird „Friede mit mir“.

    Dies wiederum passt auch zum Habitus der Garnisonkirchen-Propagandist:innen. Sie wollen doch nur spielen: Friedensengel. Nachdem über tausend Jahre in Gottes Namen Krieg geführt und geprädigt wurde, wollen sie nun Frieden haben. Sie wollen mit dem Wort Frieden spielen und zeitglich nicht die Spender:innen verprellen, die die alten Zeiten wieder haben oder zumindest „sehen“ wollen. Die alten Witwen oder die politisch rechts stehenden Spender:innen, deren Namen die Stiftung nicht wissen will und auch nicht preis geben möchte. Pecunia non olet.

    Das Friedensmusikkorps der Bundeswehr spielt für das Stabs-Carillon der Garnisonkirche, oder andersherum?

    Nun soll am 7. Mai eine Militärkapelle aufspielen, um bei einem Benefizkonzert in der Nikolaikirche Geld für das „Friedens-Carillon der Garnisonkirche“ einzuspielen. Militärs hatten die Idee zum Aufbau des Glockenspiels in Iserlohn und der Verbringung nach Potsdam. Militärs hatten die Idee, im Ausland gefallene Soldaten in der Garnisonkirche aufzubahren und zu ehren. Militärs saßen und sitzen im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche und Militärs spielen nun wieder eine Geige. Selbst die Militärseelsorge der Bundeswehr gehört zu den Spender:innen für den Wiederaufbau der ehemaligen Militärkirche. Bestimmt weil der Bundeswehroffizier Max Klaar nur gottesfürchtig und nicht rechts war und wir heute eine Friedensarmee haben, die völlig selbstlos und ohne politische oder wirtschaftliche Interessen Peacekeeping in der Welt betreibt. Und aktuell wieder dauerhaft an der Memel stationiert ist.

    Welches Liedgut das „Friedens-Carillon“ (falls es jemals ertönt) spielen wird, bleibt abzuwarten. Zu jeder vollen Stunde „Give Peace a Chance“ und zu jeder halben „Ein bisschen Frieden“?

    Als kürzlich im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme der Turmkapelle Pfarrer Kingreen wieder davon anfing, dass die goldene Wetterfahne der Preußen die Stadtkrone bilden soll, weil die angebetete Sonne ein Gottessymbol sei, stelle ich mir den Glanz vor. Eine eigene goldene Sonne scheint über das prachtvolle barocke, wieder aufgebaute Potsdam.

    Schööön.

    Die Sonne als Wetterfahne der Garnisonkirche und Stadtkrone. Die Sonne, ein Macht- und Gottessymbol. Wir Potsdamer:innen hätten dann alle eine Platz an der Sonne. Zusätzlich zu den blühenden Landschaften und den steigenden Mieten. Toll!

    Vor fast 60 Jahren wurde die Kirchenruine gesprengt, jetzt steht der Turm und in der Zukunft soll auch das Schiff entstehen. So Gott und OBM Schubert wollen. In Anbetracht dessen, in Anbetracht der „Wiedervereinigung des Vaterlandes“ und all den zahlreichen Rekonstruktionsbestrebungen zur Überwindung der Ruinen und „sozialistischen Notdurftarchitektur“ braucht es einer musikalischen Würdigung.

    Ein Lied für das Carillon muss gefunden werden. Ein Lied des Lichtes, welches auch das Streben der Stiftung nach Frieden und Versöhnung sowie dem Dienst am Guten würdigt.

    Zum Glück gibt es dies schon!

    „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt,

    laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland, einig Vaterland.

    Alte Not gilt es zu zwingen, und wir zwingen sie vereint,

    denn es muß uns doch gelingen,

    daß die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.

    P.S: Leider können wir Herrn Becher nicht mehr fragen, ob wir „Deutschland“ in der letzten Zeile durch „Potsdam“ ersetzen dürfen. Da aber der Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam von nationaler Bedeutung ist, brauchen wir eigentlich keine Textänderung, sondern nur das alte Selbstbewusstsein: an Potsdams borussischen Wesen, wird auch Deutschland genesen.

    O.W.

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  • Das Nagelkreuz von Coventry

    Der Pfarrer und Friedensaktivist Paul Oestreicher hatte das Nagelkreuz von Coventry vor 20 Jahren nach Potsdam gebracht. Nun forderte er, das Kreuz vom umstrittenen Feldaltar der Turmkapelle zu entfernen.

    Am Ostermontag wurde der alte Feldaltar der Garnisonkirche in die neue Kapelle des Turms der Garnisonkirche geschleppt und auf ihm thronte symbolisch das Nagelkreuz. Dass der Altartisch umstritten ist, ist nicht neu. Neu ist, das Paul Oestreicher sich kritisch über die Nutzung des Nagelkreuzes äußert. Dass er das Wiederaufbauprojekt kritisch sieht, ist nicht neu.

    Der inzwischen 92-jährige in Neuseeland lebende Pfarrer und Friedensaktivist Oestreicher hatte das Kreuz aus der Kathedrale von Coventry vor 20 Jahren nach Potsdam gebracht und bereut dies aktuell. Sein persönlicher Zwiespalt ist in jeder seiner Zeilen spürbar. Einerseits schreibt er zu Eröffnung der Kapelle ein Grußwort, gleichzeitig gibt er gegenüber den Kritikern des Wiederaufbaus eine Erklärung ab. Beide Briefe liegen uns vor.

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    Anlässlich der Kapelleneinweihung und der facettenreichen Gegenveranstaltung am Ostermontag hatte der Religionswissenschaftler Horst Junginger berichtet, Oestreicher wolle nicht, dass das Nagelkreuz auf dem Feldaltar stehe. Der alternative Lernort Garnisonkirche hatten die Geschichte des als „Blutaltar“ bezeichneten und als Feldaltar genutzten barocken Altartisches zuvor erläutert. An und mit dem Altar wurden unter anderem preußische Militärfahnen geweiht und Soldaten in den Krieg geschickt. Mehr dazu in der Broschüre „Schwarzbuch Garnisonkirche Potsdam“ (https://lernort-garnisonkirche.de/wp-content/uploads/2024/03/Gk_Broschuere_web_2.pdf).

    Paul Oestreicher nahm diese Informationen zum Anlass, erneut die Arbeit der „Garnisonkirche“ zu kritisieren. Das Konzept einer Friedenskirche sei gescheitert. Aber genau darauf baut das ganze Getue der Protagonisten der Stiftung Garnisonkirche auf. Sie als Überbringer der Versöhnungsbotschaft. Und dies Mitten im Herzen der alten Militärstadt. Umgegeben von den (neuen) Mauern der alte Hof- und Militärkirche. Mit den Füßen in Richtung Frieden drehen sie sich im Kreis der immer neuen Sinnsuche und Distanzierungen.  

    Vergessen bei all dem wird, dass vor vielen Jahren zugesichert wurde, dass das Nagelkreuz auch als Turmspitze zur Anwendung kommt, und nicht die goldene Wetterfahne, die aktuell hinter Gittern steht. Dort sollte sie auch bleiben, denn sie ist natürlich auch als Kriegserklärung gegen Frankreich zu verstehen. Die Debatte hatten wir schon vielfach. Das kann (will) der junge neue Pfarrer Kingreen nicht wissen. Die Stiftung hat trotz der Zusage, dass mit dem Nagelkreuz als Turmspitze, ein Bruch mit dem Original vollzogen wird, die goldener Wetterfahne fertigen lassen und wiederum deren Spendern versprochen, dass natürlich dieses „goldene Kalb“ den Turm schmücken wird. Eine der vielen Lügen und falschen Versprechen gegenüber Dritten. Kein Wunder, dass sich nun auch Paul Oestreicher hinters Licht geführt fühlt.

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    Diese Erkenntnis ist nicht neu. Bereits am 13.01.2015 zog sich Oestreicher enttäuscht aus der Diskussion um das Projekt Garnisonkirche zurück (https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/abschied-mit-kritischer-bilanz-7239883.html)

    Seine kritische Bilanz zur Arbeit der Garnisonkirchenstiftung und der Fördergesellschaft lautete: Von „der Absicht, etwas völlig Neues zu gestalten“, sei in den vergangenen zehn Jahren „nur wenig zu spüren“ gewesen. Zwar gehe es nicht mehr um eine „Militärkirche“, dafür nun aber in erster Linie um eine „kulturelle städtische Restauration“, kritisiert Oestreicher: „Nur noch ganz am Rande schienen Frieden und Versöhnung im Spiel zu sein.“

    Erst durch die Projektgegner sei „frischer Wind in die Segel“ gekommen, schreibt Oestreicher: „Die Gegner haben nicht umsonst agiert.“ Die aktuelle Debatte werde zum Segen werden, „aber nur, wenn sie respektvoll geführt wird“. Er selbst habe hohen Respekt für die Gegner, ihre Vorbehalte seien berechtigt. „Wäre mein Sitz im Leben ein anderer, könnte ich wahrscheinlich, ohne mir untreu zu sein, zur Opposition gehören.“

    Nun distanziert sich Paul Oestreicher öffentlich von der Platzierung eines Nagelkreuzes auf dem Feldaltar der Garnisonkirche.

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    Oestreicher ist Jahrgang 1931 und Sohn eines Kinderarztes jüdischen Glaubens. 1960 erhält er die Diakons- und Priesterweihe in der Anglikanischen Kirche. Danach wird er Kaplan in einer Arbeitergemeinde im Osten Londons. 1961 gründet er von Amnesty International mit und wird in der Zeit 1975-79 Vorsitzender der britischen Sektion. In den Jahren 1985-97 ist er Domkapitular und Leiter des Internationalen Versöhnungszentrums in Coventry. Nach ihrer Zerstörung am 14.11.1940 wurde die Kathedrale nicht wieder aufgebaut. Ein Neubau ergänzt die Ruine.  Paul Oestreicher schließt sich der Nagelkreuzbewegung an und bringt 2004 eine Nachbildung des Nagelkreuzes nach Potsdam. Zehn Jahre später, am symbolträchtigen 20. Juli 2014 (Tag eines Attentates auf Hitler; ein Militärputsch) wurde der Kapelle durch den Dean of Coventry John Witcombe und den Vorsitzenden der Deutschen Nagelkreuzgemeinschaft Oliver Schuegraf unter Mitwirkung von Paul Oestreicher und Nikolaus Schneider (EKD-Ratsvorsitzender) der Name Nagelkreuzkapelle verliehen.“

    Oestreicher erhält mehrere Ehrendoktorwürden, ist seit 1995 Ehrenbürger Meiningens, bekam das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und wurde 2022 von der englischen Königin zum Officer of the Order of the British Empire ernannt.

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    Wir dokumentieren nachstehend die Erklärung von Paul Oestreicher, die er in Bezug auf die Nagelkreuzkapelle in Potsdam abgegeben hat.

    Gleichzeitig danken wir Paul Oestreicher für sein Ringen und seine Offenheit, sowie seinem Bekenntnis von 2015, der Opposition des Wiederaufbauprojektes anzugehören (s.oben).

    „DIE P0TSDAMER NAGELKREUZKAPELLE

    EINE PERSÖNLICHE GEWISSENSENTSCHEIDUNG am 2. April 2024

    Nach langem innerlichen Ringen hat mein christlicher Pazifismus über meine Kompromissbereitschaft gesiegt, über die Bereitschaft, versöhnend mit denen zusammen zu arbeiten, die zwar friedensorientiert sind, aber die Worte Frieden schaffen ohne Waffen sich nicht zu eigen gemacht haben. Im langjährigen Konflikt um die Potsdamer Garnisonkirche stand ich als Überbringer des Nagelkreuzes der Kathedrale von Coventry immer zwischen den Fronten. Das Nagelkreuz, Symbol der Versöhnung, hätte die Gegner:innen und die Befürworter:innen des Wiederaufbaus der Garnisonkirche an einen Tisch bringen sollen. Das ist leider nicht geschehen.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg gab sich die noch zum Teil bestehende alte Kirchengemeinde den Namen Heilig Kreuz Gemeinde. Dann, nach dem Ende der DDR, ging man meines Erachtens leider auf den Namen Garnisonkirche zurück, wo sich nun im wiederaufgebauten Turm die Nagelkreuzkapelle befindet. Auf dem Altar der nun feierlich gewidmeten Kapelle steht das Nagelkreuz, aber auf was für einem Altar? Der alte Feldaltar, an dem die Truppen des Kaisers und des Führers den Segen Gottes erhielten, bevor sie während den zwei Weltkriegen in die Schlacht zogen. Das zu bejahen, hat meine Kompromissbereitschaft überfordert.

    Es ist meine persönliche Gewissensentscheidung, mich mit den Militärdienstverweigern – vor allem in der ehemaligen DDR – Schulter an Schulter zu stellen. Schon als junger Mensch in meiner neuseeländischen Heimat war ich Militärdiernstverweigerer, schrieb daher als Masters-Dissertation die Geschichte der Verweigerer Neuseelands im Zweiten Weltkrieg. Mein Vorbild: der seelig gesprochene Franz Jägerstätter, der als frommer Christ zum Dienst in Hitlers Wehrmacht Nein sagte und deswegen im Zuchthaus Brandenburg enthauptet wurde. Ihm und seinesgleichen schulde ich meine Treue.

    Beide Seelsorger an der Potsdamer Nagelkreuzgemeinde, erst Cornelia Radeke-Ernst und jetzt Jan Kingreen, Friedensbeauftragter der Landeskirche, hatten und haben für ihre Friedensarbeit nach wie vor meine Achtung und Unterstützung. Ihr Tun des Guten stelle ich nicht in Frage. Meine Entscheidung soll ihr Wirken in keiner Weise belasten.

    Das Nagelkreuz Coventrys wird in Potsdam bleiben als Teil der von Oliver Schuegraf geleiteten deutschen Nagelkreuzgemeinschaft, die ich einst im neuvereinten Deutschland ins Leben rief. Die Leitung der Kathedrale wird dahinter stehen, unbelastet von meiner persönlichen Entscheidung. Die Fähigkeit, mit menschlichen Widersprüchen zu leben, gehört unweigerlich zur Nachfolge Christi. Gottlob bleibt die letzte Wahrheit in der Obhut des Heiligen Geistes.“

    Wir dokumentieren nachstehend den Entwurf des Grußwortes von Paul Oestreicher, welches er anlässlich der Weihe der Nagelkreuzkapelle am Ostermontag geschrieben hat. Der Text wurde den ca. 100 Teilnehmer:innen des Gottesdienstes auch ausgereicht. Verlesen wurde das Grußwort nicht.

    „WEIHE DER NAGELKREUZKAPELLE IN POTSDAM, Ostern 2024

    LIEBE FESTGEMEINDE

    Dieses Grußwort erinnert mich an DDR-Zeiten, als ich und Theologen aus dem Westen nicht predigen durften. Grußworte waren jedoch erlaubt. Das wurde zu einem nützlichen Weg, die Zensur zu unterwandern und das Notwendige zu sagen.

    Heute im Auftrag der Kathedrale von Coventry sprechend, muss ich an den Ursprung des Nagelkreuzes erinnern. Drei Nägel aus der Ruine der von der Luftwaffe zerstörten Kathedrale, zum Kreuz geschmiedet, wurden zum Symbol der Vergebung und der Versöhnung. Am Weihnachtstag 1940, erst sechs Wochen nach dem Luftangriff, erklärte Domprobst Howard aus der Ruine, entgegen der Volksmeinung: „Wir Christen sagen Nein zur Vergeltung, und Ja zur Vergebung. Nach diesem Krieg wollen wir gemeinsam mit unseren heutigen Feinden eine freundlichere, christlichere Welt bauen.“ Diese Worte bilden die Grundlage dieser Nagelkreuzkapelle.

    Ich brachte das Nagelkreuz nach Potsdam und sorgte dafür, dass bei meiner Predigt sowohl die Befürworter als auch die Gegner des Wiederaufbaus dabei waren. Ich zögerte nicht, den langen Streit, der folgte, kritisch zu begleiten. Auf beiden Seiten hatte ich enge Freunde und Freundinnen.

    Heute bin ich dankbar, dass wir so weit gekommen sind, dass der Konflikt aus meiner Sicht sinnlos geworden ist. Sinnlos war er zuvor aber nicht. Mit Hilfe der Stadt Potsdam und ganz besonders unseres Freundes Manfred Stolpe kommt es nun zu einem sinnvollen Kompromiss, dem Versöhnung folgen müsste. Der Wiederaufbau des Turmes und damit dieser Kapelle als Zentrale der Friedensverpflichtung der Landeskirche ist eine zweifache Antwort auf die Vergangenheit, einmal eine Antwort auf den Terror des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg und zugleich eine Antwort auf den Hass Walter Ulbrichts auf den christlichen Glauben. Andererseits ist der Beschluss, die gesamte alte Garnisonkirche nicht wieder entstehen zu lassen eine doppelte Antwort: auf den Militarismus allgemein und auf den damals vermeintlichen Sieg Adolf Hitlers. Beide Seiten im Streit um die Garnisonkirche haben sowohl verloren als auch gewonnen. Die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und die Mittel aus der öffentlichen Hand geben diesem Unternehmen eine Bedeutung für ganz Deutschland.

    Die Aufgabe, dem Frieden zu dienen, ist dringender als je. Die von Probst Howard ersehnte freundlichere Welt liegt noch in weiter Ferne. Wir Christen sind uns noch nicht einmal darüber einig, was dem Frieden dient. Genau das sagte Jesus der heiligen Stadt Jerusalem. Wir sind uns nicht einmal darüber einig, ob die Ungerechtigkeiten unserer Welt durch Waffengewalt und im äußersten Fall durch Atomwaffen besiegt werden können. Wir Christen sind aus der Sicht von anderen nicht unbedingt die Heilsbringenden.

    Möge das, was diese Kapelle darstellt, mögen wir gemeinsam mit vielen anderen aktiv und demütig bleiben auf der Suche nach einem glaubhaften, guten Weg zum Frieden. Wenigstens das schulden Christen unserem Land, Europa und der Welt.“

    An dieser Stelle danken wir dem Pazifisten Paul Oestreicher für sein jahrzehntelanges Engagement, auch wenn wir seine Aussagen nicht immer teilen. Aber gerade in Zeiten, in denen deutsche Minister Kriegstüchtigkeit fordern und neue Waffenfabriken einweihen, sind Besinnung auf menschliche Werte und Reflektion des eigenen Handels besonders wichtig.

    Besinnung täte Vielen gut. Auch denen, die meinen, wir müssen die Orte der Täter und des Schreckens wieder aufbauen, um Geschichte erklären zu können. Es gibt genügend real existierende Anknüpfungspunkte für die geschichtliche Aufarbeitung. Auch in dieser Stadt. Es gibt meist nicht den Willen dazu. Das Wort Versöhnung wird noch viel zu oft als Pseudonym für Verdrängung benutzt. Die Online-Ausstellung der Stiftung Garnisonkirche ist ein solches Beispiel (s. https://entwurf.potsdam-stadtfueralle.de/2023/12/06/sehnsuchtsort-garnisonkirche/). Ebenso dienen Nachbauten meist nicht des Neuanfangs, sondern der Verklärung des Gestern.

    Echte Neuanfänge brauchen keine historisierenden Fassaden und Christen brauchen keine Garnisonkirche! Und die Stadt Potsdam braucht auch keinen aufsteigenden schwarzen Preußen-Adler als „Stadtkrone“.

    Carsten Linke, Verein zur Förderung antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.

    P.S. Ein Freund wies mich darauf hin, dass es ein fatales Zeichen gegenüber Coventry ist, wenn die Garnisonkirche oder ihr Turm wieder aufgebaut wird. In der Konsequenz würde der Wiederaufbau der GK die deutsche Niederlage nachträglich in einen Sieg verwandeln: Unsere neue „Friedensgarnisonkirche“ steht, die alte Kathedrale in Coventry ist dagegen zerstört. Die Opfer von damals erhalten die Ruine als Mahnmal (und wagen mit dem Neubau einer Kathedrale einen Neuanfang) während die Täter die Vergangenheit mit Rekonstruktionen reproduzieren und dies als Akt von nationaler Bedeutung bezeichnen.

  • Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche 2

    Am Ostermontag haben mehr als 300 Menschen gegen die erste Eröffnungsfeier in der Turmkopie der Garnisonkirche protestiert. Ausgerechnet den Ostermontag, den Tag der Auferstehung hat sich die Stiftung ausgesucht, um die kleine Kapelle im Turmstumpf in Betrieb zu nehmen. Viele fragten sich „Was soll hier wieder auferstehen?“ Die alte Garnisonkirche kann es ja nicht sein, den von deren Geschichte will sich die Stiftung Garnisonkirche angeblich distanzieren. Auch von der Symbolik dieses geschichtlichen Ballastes von nationaler Tragweite. Auch von den rechten Initiatoren des Wiederaufbaus will niemand mehr etwas seitens der neuen Hausherren wissen. Was soll nun auferstehen: der Ungeist von Potsdam? Der Geist der Kirche der immer ein militärischer war, immer einer der Mächtigen. Der Geist der nie demokratisch war. Der Krieg und Verderben für viele Teile Europas brachte. Ein kolonialer Geist mit Völkermorden in Afrika und Unterdrückung in China. Die Liste der Opfer dieses Geistes von Potsdam ist lang.

    Die Demonstrationsformen der Wiederaufbaugegner:innen waren am Ostermontag vielfältig: Musik, Lesungen, Reden, Jesus als Ehrengast, Performances und ein Geschichtspfad.

    Dieser Geschichtspfad zeigte auf mehr als 130 Tafeln diesen Ungeist vor den Toren der Turmkapelle auf. Ein kleiner Auszug von Nutzungen der deutlich machte, das die Garnisonkirche nie von Dritten missbraucht wurde, sondern immer nur von ihren Hausherren, der Stadtpolitik und vor allem den Predigern der Hof- und Garnionkirche. Sie haben den christlichen Glauben für ihre Kriegsrhetorik missbraucht. Der Tag von Potsdam war nur die Spitze des Eisbergs und die logische Konsequenz aus der jahrzehntelangen Nutzung dieses Wallfahrtsortes für Militaristen, Monarchisten, Rechtskonservative, Ewiggestrige, Antidemokraten und die Faschisten zahlreicher politischer Organisationen.

    Mehr zur Geschichte und Nutzung des unchristlichen Ortes ist in dieser Broschüre zu erfahren:

    Buchvorstellung: „Das Widerstandsprojekt Garnisonkirche – Eine Chronik" – Potsdam – Stadt für alle (entwurf.potsdam-stadtfueralle.de/)

    Zwei Redebeiträge vom Ostermontag haben wir bereits dokumentiert (Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche – Potsdam – Stadt für alle (entwurf.potsdam-stadtfueralle.de/)

    Heute dokumentieren wir den Beitrag von Gerd Bauz, von der Martin-Niemöller-Stiftung. Diese Stiftung ist ein langjähriger Kooperationspartner des hiesigen Widerstandes.

    Darüber hinaus dokumentieren wir auch einen Brief des alternativen Lernortes Garnisonkirche an den neuen Pfarrer der Turmkapelle, Herrn Kingreen. Wenn die Stiftung sich selbst ernst nimmt und ihren vielen Ankündigungen von Dialogbereitschaft auch Taten folgen lässt, dann dürfte die Annahme des Gesprächsangebot seitens des Lernortes kein Problem darstellen.

    Hier der Redebeitrag von Gerd Bauz:

    Kein Gottesdienst am Blutaltar

    Der christliche Altar hat die archaischen Schlachtopferaltäre überwunden. Er erinnert an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern, er ist der Tisch des Herrn. Er bildet das örtliche Zentrum der Liturgie. Der Altar ist der Mittelpunkt einer Kirche und bezeugt die Anwesenheit Gottes. Der Altar der Garnisonkirche Potsdam hat von Anfang an die Abwesenheit Gottes bezeugt. Die Abwesenheit Jesu. Der Altar war gerahmt von den römischen Kriegsgottheiten Mars und Bellona, ein in der zweitausendjährigen Geschichte der Christenheit einmaliger Frevel.

    Bereits der Erbauer der Kirche ließ diese Figuren dort programmatisch aufstellen, der Soldatenkönig, dessen Haushalt zu 90 Prozent Kriegshaushalt war. So ausgestattet legte sein, von ihm gedemütigter, Sohn los mit dem Überfall auf Schlesien, den drei Schlesischen Kriegen, der Annexion Schlesiens und so weiter. Er wurde ‚der Große‘ genannt. Und so ging es weiter und weiter mit seinen Hohenzollern-Nachfolgern bis zu Wilhelm II, … und dann bis hin zu dem Nach-Nachfolger nach Auschwitz und Stalingrad, eine zunächst zehntausendfache, hundertausendfache, dann millionenfache Blutspur; immer wieder wurde am Blutaltar gestartet und religiös zugerüstet, seit 1800 genau an diesem, der nebenan steht.

    Das ehemalige Mitglied der Landessynode der Ev. Nordkirche und Vizepräsidentin ihres Kirchenkreises, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Forschungsstelle Weimarer Republik, Autorin des Standardwerks „Die überforderte Republik“, die Historikerin Prof. Dr. Ursula Büttner stellte im Nationaltheater in Weimar anlässlich des hundertsten Jubiläums der ersten deutschen Demokratie die Frage: „Wie kann man nur auf die Idee kommen, dieses Bauwerk wieder errichten zu wollen, wenn man die Geschichte der Weimarer Republik kennt?“

    Wie kann jemand nur an diesem Gegenstand noch Gottesdienst feiern wollen, wenn man die ganze Geschichte hinzunimmt? Wie mag man dieses Identifikations-Objekt des alten und des neuen Nationalismus und Militarismus einfach nutzen wollen – als wäre nichts? Gedankenlosigkeit, Dreistigkeit, Ignoranz, Gefühllosigkeit, Blasphemie, Sympathie, Sturheit, … Entwidmet gehört dieses Trumm, überreif fürs Museum, wo seine Altardecke schon wartet.

    Wenn das Militärmöbel in knapp zwei Stunden als Altar – warum eigentlich erneut? – geweiht wird: Was geschieht da? Für welche Wirklichkeit und für welche Wahrheit entscheidet man sich? Was will man setzen und sagen, was übergehen und verschweigen? Auf den Blutaltar wird ein Nagelkreuz gestellt sein. Der Pfarrer, der an ihm Dienst tun wird, sagt dazu: „Das Nagelkreuz ist das weltweite Symbol dafür, dass Versöhnung funktionieren kann.“ Weiter kann man vom christlichen Verständnis der Versöhnung nicht entfernt sein. Versöhnung ‚funktioniert‘ nicht, Versöhnung geschieht. Versöhnung ist eine Gnade. Nicht dass man nach Versöhnung nicht streben und sich bemühen könnte – und sich bemühen muss, damit sie sich einstellen könne. An diesem singulären Ort deutscher Täterschaft, wären anerkennen, benennen und bekennen die Bedingungen der Möglichkeit von Versöhnung. Wie also kann der Blutaltar den Mittelpunkt eines Raumes bilden, der der Versöhnung gewidmet sein soll? Was sagt die weltweite Nagelkreuzbewegung dazu?

    Und: Wie laufen nebenan die Verantwortlichkeiten, wenn der Staat zahlt, eine Stiftung bestimmt, die Kirche segnet, eine Synode nicht debattiert und der Bischof, an der Spitze zugleich von Stiftung und Kirche, zulässt – was nicht passiert: Eine wahrheitsorientierte und wahrhaftige Auseinandersetzung mit dem historischen Ort der ehemaligen Garnisonkirche in Potsdam; wenn also unsere Republik dieses Vorganges fortgesetzt enteignet wird?

    Ganz herzlich danke ich dem Wissenschaftlichen Beirat des Lernort Garnisonkirche für das Hervorragende an Aufklärung, das hier im Rechenzentrum, aus der Opposition heraus geleistet wird!

    Hier der Brief des Lernortes an Pfarrer Kingreen; Anlass ist der Feld- bzw. Blutaltar, der nun wieder in der Kapelle des Turmes steht.