Autor: cali

  • Die Kulisse bröckelt

    Eine Gelegenheit, einmal mehr kund zu tun, dass wir das Schloss nie wollten und auch nicht schön finden.

    An der Kopie des Stadtschloss bröckelt es: „An mehreren Stellen der Ost-, West- und Südfassade sowie an einer Stelle im Innenhof“ wurden am Landtagsgebäude Schäden am Sandstein des Gesimses festgestellt. Nach Angaben der Landtagsverwaltung handelt sich dabei um Risse und Abbrüche vom Sandstein. In Abstimmung mit der Stadtverwaltung Potsdam wurden die betreffenden Bereiche mit Flatterband und Bauzäunen abgesperrt. Auch im Innenhof flattert aktuell Absperrband.

    Dies vermeldeten MAZ und PNN bereits Anfang Juli. Mittlerweile wurde ein Dachschaden als Ursache des Zerfalls ausgemacht.

    Die Bauschäden sind nicht unser Problem. Aber sie sind eine gute Gelegenheit noch einmal zu bekunden, dass diese Schlosskopie ein Puzzle in der Barockisierung der Stadt darstellt und mit dem Bau ein gesellschaftlicher Wandel einhergeht. Ein souveräner Landtag hätte der Kulisse nicht bedurft. Demokratie sollte sich keinen monarchistischen Mantel geben. Wäre der Landtag in ein bestehendes Schloss gezogen, wäre es ein Akt der Konversion. So ist es aber nur Un-Souverän. Die goldene Figurentreppe – und deren Zuspruch durch die Landtagspräsidentin – toppt diese politische wie geschichtsvergessene Fehlentscheidung noch. Sie bildet den glänzenden Höhepunkt der Peinlichkeit. Ich schäme mich für „unser“ Parlament.

    Gegen den Bau der Schlosskulisse gab es viel Kritik. Heute behaupten die damaligen Befürworter*innen, dass diese verstummt sei und alle das Geschaffene schön finden. DEM IST NICHT SO! Es macht nur wenig Sinn, die Kritik täglich zu wiederholen, wenn bereits Tatsachen geschaffen wurden. Den aktuellen Anlass – die bröckelnde Fassade – nehmen wir deshalb wahr, um unsere Kritik an Bau und an dem bestehenden Objekt zu wiederholen.

    Das Jahr 1991 war im Osten der erweiterten Bundesrepublik neben dem wirtschaftlichen Niedergang und dem Ausverkauf des Volksvermögens, gekennzeichnet von der kulturellen Umgestaltung. Neue Werte, die sich meist als alte entpuppten, sollten in den neuen Bundesländern Einzug halten. Gleichzeitig sollte das ausradiert werden, was an die sozialistische Vergangenheit erinnert. Fast ein Wettstreit zu Umbenennungen, Denkmalstürmerei und Verdrängung begann. Was dies an kultureller Veränderung, an Rechtsruck und sozialer Ausgrenzung auslöste, war damals nur zu erahnen. Das „Schloss“ ist Teil dieser Epoche. Im April 1991, wenige Tage vor der Einweihung des rechtsradikal geprägten Glockenspiels an der Plantage, beschlossen die Stadtverordneten den Abriss des Theaterrohbaus auf dem Alten Markt. Baufreiheit für das Schloss sollte geschaffen werden. Später wurde durch eine bei einer Bürger*innenbefragung die Minderheit zur Mehrheit erklärt und der Weg endgültig frei gemacht für das „Landtagsschloss“.

    Die Stadtoberen wurde ebenso wie die Retro-Fetischist*innen nie müde, den Alten Markt als das „Herz der Stadt“ zu deklarieren. Wenn dies das Herz unserer Stadt ist, dann ist Potsdam ein Fall für die Pathologie! Einen toteren Platz als diesen haben wir nur am Neuen Markt. Die Aufenthaltsqualität des Platzes und die Institutionen hinter den Kulissen laden zu kurzen Besuchen aber nicht zum Verweilen ein. Schon gar nicht für die Potsdamer*innen.

    Jedes bröckelnde Fassadenteilchen sollte als Anstoß zum Nachdenken begriffen werden, ob wir diesen Disneyland-Kurs fortführen wollen. Die Stadt ist kein Museum. Und viele Potsdamer*innen wollen nicht die freilaufenden Inventare in einer von Kulissen geprägten Sehnsuchtswelt des Gestern sein!

    von Oskar Werner

  • Äußerliche Korrekturen sind keine Problemlösung

    Warum die nun bevorstehende Entfernung der Ehrung des rechtsradikalen Erhardt Bödecker  die Probleme beim Humboldtforum nicht löst.

    Von Philipp Oswalt

    In einem Brief vom 3.November räumet Sohn und Schwiegertochter von Ehrhardt Bödecker, Elvira Tasbach und Andreas Bödecker, ein, dass die jüngst kritisierten Äußerungen in der Tat zum Teil rechtsextrem sind und auch an Orten vorgetragen oder veröffentlicht wurden, die zu rechtsextremen Kreisen gehören. Sie bitten daher, das Portrait-Medaillon von Ehrhardt Bödecker und seiner Frau im Foyer des Berliner Schlosses abzunehmen. Ein solches Statement verdient zunächst Respekt, da es niemanden leicht fällt, sich auf diese Weise zu einer nahestehenden Person öffentlich zu äußern.

    Doch geht dieses Statement mit der Behauptung einher, dass die problematische Äußerungen der Familie unbekannt gewesen und das jetzt erstmals mit meinem Artikel im Tagesspiegel die Vorwürfe des Antisemitismus und Rechtsradikalismus erhoben worden seien. Kann das sein? Der Berliner Architekt Prof. Wolfgang Schuster berichtete, dass er schon im Jahr 1994 bereits bei einem Gespräch, das er mit Ehrhardt Bödecker geführt hatte, mit dessen antisemitischen Äußerungen konfrontiert war. Bödecker hatte keine Scheu, seine Meinung auch bei Personen, die ihm kaum vertraut waren, kund zu tun. Und Bödeckers antisemitisches und rechtsradikales Gedankengut hat sich nicht erst mit seiner Pensionierung ausgebildet, wie seine Angehörigen jetzt nahelegen. Es ist aber erst mit seiner ab 1998 einsetzenden Publikationstätigkeit nachweisbar. Und diese war ausgesprochen erfolgreich. Sein Buch „Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“ mit einer Reihe indiskutabler Äußerungen ist in sechs Auflagen erscheinen, zuletzt posthum 2018 im rechtslastigen Kopp-Verlag. Dieser vertreibt auch sonst eine Vielzahl rechtsextreme, rechtsesoterische, verschwörungstheoretischer und antisemitischer Titel. Warum hat die Familie diese Veröffentlichung zugelassen und damit der begeisterten Rezeption der Gedanken Ehrhardt Bödecker in Kreisen der extremen Rechten wie der „Nationale deutschvölkische Revolutionsbewegung“ befördert? Und keiner will diese Texte je gelesen haben?

    Dass die Kritik an diesen Äußerungen jetzt erstmalig öffentlicher erhoben wurde, scheint eine bittere Tatsache zu sein. Aber nicht, weil diese keiner gehört oder gelesen hat. Sondern offenkundig, weil man diese hingenommen hat, viele wohlwollend überhörend, manch einer wohl auch mit Verständnis oder Zustimmung. Ja, „streitbar, oft polemisch, bisweilen auch unerträglich provokativ“ (so die Schwiegertochter Elvira Tasbach) seien seine Äußerungen gewesen, aber eben doch noch akzeptabel. Schließlich war Bödecker eine Person von „bürgerliche Reputation“ (Wilhelm von Boddien).  Er war wohltätig engagiert, wie z.B. im Evangelischen Johannesstift, und hatte auch eine sehr enge, freundschaftliche Beziehung zu den jüdischen Vermietern der Geschäftsräume der Weberbank seit den 1960er Jahren. Seine Person lässt sich nicht auf rechtsextremes Gedankengut reduzieren. Aber die sonstigen Facetten seiner Person machen dies nicht ungeschehen oder wiegen dieses nicht auf. Die indiskutable Grenzüberschreitung bleibt unabänderlich bestehen. Der Fall Bödecker zeigt auf, in wie weit antisemitisches und rechtsradikalen Gedankengut in unserer Gesellschaft toleriert und akzeptiert wird, vor allem dann, wenn es mit anderen, positiven Faktoren verbunden ist.

    Das Statement der Familie macht nichts ungeschehen, und löst auch weder das Problem des Förderverein noch der Stiftung, die sich an diesem Fall zeigen. Beiden lag schon seit Wochen eine Dokumentation mit Quellennachweisen von den Äußerungen Bödeckers vor. Die Stiftung verfügte zudem auch über die klare Bewertung des Zentralrats der Juden, ein Konvolut der Digitalisate der Originalquellen und die Information über das Auftreten Bödeckers bei einer vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Organisation. Gleichwohl beschloss der 15-köpfige Stiftungsrat lediglich, „ein renommiertes zeithistorisches Institut [zu] beauftragen, diesen Vorwürfen nachzugehen“. Die versammelten Spitzenkräfte einer der wichtigsten nationalen Kulturinstitutionen, von denen die Hälfte sogar über eine geisteswissenschaftliche Promotion oder gar Professur verfügen, waren nicht Willens oder in der Lage, ein umfangreich dokumentierten und offenkundigen Sachverhalt selber zu beurteilen. Wollten sie auf Zeit spielen? Oder wollten sie nicht selber die Verantwortung für eine Entscheidung übernehmen, sondern diese einem Experten übertragen? Das eine ist so beschämend wie das andere, und zeigt auch eine der Gründe auf, wieso so etwas so lange ohne Widerspruch bestehen konnte.

    Noch abgründiger ist allerdings des Verhaltens des Fördervereins, welcher Ehrhardt Bödecker als Großspender eingeworben hatte und mit ihm in engem Kontakt stand. Seit Wochen: kein Wort der Distanzierung, kein Wort des Bedauerns, kein Zeichen der Scham. Offenherzig räumte Wilhelm von Boddien gegenüber der Berliner Zeitung ein: „Wir haben auf bürgerliche Reputation geachtet, nicht auf politische Einstellungen.“ Doch wie der Berliner Architekturkritiker Nikolaus Bernau im Deutschlandfunk feststellte: „Das jetzt Nationalisten, und auch Neonazis oder alte Nazis begeistert sind von dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses, dass kann wirklich nicht überraschen“. Eine Abgrenzung wäre nötig. Jedoch: Fehlanzeige. Das „bürgerliche Reputation“ mit antisemitischen und rechtsradikalem Gedankengut einhergehen kann, hat man hingenommen. In dem gleichen Sammelband, in dem Bödecker seinen Text „Antipreußische Gehirnwäsche“ veröffentlichte, publizierte Wilhelm von Boddien zum Berliner Schloss und der rechtsradikale Bundeswehroffizier a.D. Max Klaar zur Garnisonkirche Potsdam. Alle drei auf Einladung des Herausgebers, dem rechtslastigen Brigadegeneral a. D. der Reinhard Uhle-Wettler, der drei Jahre zuvor eine Festschrift für den Holocaustleugner David Irving publiziert hatte. Auch auf Einladung von Uhle-Wettler hielt von Boddien bei seiner rechtsgerichteten Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft (SWG) 2007 einen Vortrag. Und die SWG warb 2015 nochmals für Spenden für den Förderverein.


    Eine weiter Person von „bürgerlicher Reputation“, zu der von Boddien Kontakt pflegt, ist der mit den Rechtsradikalen und der AfD sympathisierende Journalist Matthias Matussek. Mit ihm feierte von Boddien nicht zuletzt dessen 65. Geburtstagsfeier. Bei dieser Party anwesend waren auch Mario Müller von der rechtsradikalen Identitären Bewegung, der Chefredakteur des rechtslastigen Magazins Cato Andreas Lombard, die Leiterin der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung Erika Steinbach, der AfD Politiker Roger Lebien, des rechtsradikale Journalist Hanno Borchert und der Verleger der Wochenzeitung Junge Freiheit Dieter Stein. Ehrhardt Bödecker ist nicht ein isolierter Einzelfall unter den insgesamt 45.000 Spender der Berliner Schlossfassaden. Doch diese Frage scheint weder Stiftungsrat noch Förderverein zu bekümmern. Auch nicht die Frage, wie Personen rechtsradikaler Gesinnung mit der Finanzierung von optionalen Bausteinen Einfluss auf die Ausgestaltung des Bauvorhabens genommen habe. Doch eine Aufklärung hierzu sind die Projektbetreiber nicht durch der Öffentlichkeit schuldig, sondern allen ehrenhaften Spendern, die kein zweifelhaftes Gesellschafts- und Geschichtsverständnis haben. Ist es aber etwa richtig, dass Rudolf-August Oetker als Großspender im Humboldtforums persönlich gewürdigt wird? Er war ab 1933 Mitglied der Reiter SA und ab 1942 als Mitglied der Waffen-SS an der Ostfront im Einsatz. Bis zu seinem Tod verhinderte eine kritische Befassung mit seiner Geschichte, mit der seiner Familie und der seines Unternehmens. Erst nach seinem Tod 2007 konnte die Familie – und dies dann in vorbildlicher Weise – die Problematik aufklären und eine kritische Untersuchung veranlassen.

    Die nun wohl erfolgende Entfernung des Ehrenmedaillons von Ehrhardt Bödecker und seiner Frau im Eosanderportal löst die aufgeworfenen Probleme des Humboldtforums nicht. Und der Bund als Bauherr hat noch eine weitere, weitaus problematischer Baustelle. In Potsdam wird überwiegend mit Geldern des Bundes der Turm der Garnisonkirche Potsdam wiederaufgebaut. Initiator dieses Projektes war einst der rechtsradikale Bundeswehroffizier a.D. Max Klaar. Zwar hat inzwischen die evangelische Kirche das Projekt übernommen, aber was sie baulich umsetzt, entspricht weitestgehend der „Vision“ von Max Klaar, die dieser dem damaligen Bischof Wolfgang Huber bei einem Treffen im Juli 2000 unterbreitet hatte.

    Weiterführende Informationen auf http://schlossdebatte.de/

  • Ein Jahrestag der Schwächen offenbart (NSU)

    Ein Klimacheck des gesellschaftlichen Miteinanders. Wir dokumentieren den Demo-Aufruf der emanzipatorischen Antifa Potsdam

    Aufruf zur Demo und Gedenkkundgebung anlässlich des 10. Jahrestag der „NSU“-Selbstenttarnung am 04.11.21 ab 17 Uhr in Potsdam

    Am 4.11.2021 jährt sich die Selbstenttarnung des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds zum 10. Mal. Die Täter:innen ermordeten mindestens 10 Menschen zum Opfer: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michele Kiesewetter.

    Seitdem ist einiges passiert. Es haben Betroffene ihre Stimme erhoben und punktuell Solidarität erhalten. Aber nur wenig lässt darauf hoffen, dass in Zukunft neonazistischen Terrorzellen das Morden erschwert wird.

    Hierzu zählt, dass der NSU nicht als Terrorzelle in einem Netzwerk verhandelt wurde, nicht vor Gericht in München und nicht in den diversen Untersuchungsausschüssen der Landtage in u.a. Brandenburg. Es war neben dem gesellschaftlichen Klima der 90er Jahre die Einbindung einer Vielzahl von Neonazis, welche das Leben und Morden des Kerntrios im sogenannten “Untergrund” erst ermöglichten. Von Krankenkassenkarten bis hin zu Waffen und gemeinsamen Konzertbesuchen reichte die Zusammenarbeit.

    Die Einbindung staatlicher Stellen (vom bspw. Brandenburgischen Verfassungsschutz und der Bundesverfassungsschutz, bis zum Berliner LKA und dem Militärischen Abschirmdienst) bzw. ihr zeitlich gut geplantes “Wegsehen” wurde und wird nicht angemessen aufgearbeitet. Es häuften sich die Schredderaktionen in Archiven und Beamt:innen mit auffallenden Erinnerungslücken, zumeist ohne Konsequenzen für Laufbahn und Leben der daran Beteiligten.

    Und auch heute zeigen staatliche Stellen wenig bis kein Interesse daran, neonazistisch motiviertes Morden zu verhindern. Anders sind die massenweise auftretenden “Einzelfälle” rassistischer und antisemitischer Chatgruppen von Polizist:innen und Soldat:innen nicht zu erklären — auch nicht der geringe staatliche Willen zur Aufklärung über neonazistische Geheimbünde, sogenannte Preppergruppen, wie die Gruppe Nordkreuz. Diese Gruppe verfügte (und verfügt vermutlich immer noch) nicht nur über massenweise Waffen und Munition, sondern beschaffte sich sogar Material zum Umgang mit Leichen.

    Daneben entschied sich in einigen Brandenburger Wahlkreisen jede 4. Wähler:in für die rassistische und mindestens in Teilen faschistische AfD. Es ist die AfD in Zusammenarbeit mit Teilen der CDU und sogar der SPD (Stichwort Sarrazin), welche den politischen Nährboden für neonazistische Täter bildet. Angefangen bei Hasskommunikation in sozialen Medien über Entmenschlichung von Teilen der Bevölkerung und Gewalt- sowie Morddrohungen und schlussendlich Morde, haben sich rechte Bedrohungsallianzen gebildet.

    Gegen dieses Ungetüm des Gesamtproblems wird keine Polizei, kein sogenannter Verfassungsschutz und kein Gericht wirkungsvoll vorgehen können oder vorgehen wollen. Es sind wir, die wir das Gedenken an die Opfer des NSU am Leben erhalten müssen, genauso wie wir es sind, die gegen Neonazis, Rassist:innen und Antisemit:innen vorgehen müssen.

    Kommt deshalb zur Gedenkkundgebung und Demo am 04.11.2021 ab 17.00 Uhr am Steubenplatz am Landtag Brandenburg!

  • Reformationstag 80 Thesen

    Anlässlich des heuteigen Reformationstages veröffentlichen wir noch einmal die „80 Thesen zum Reformationstag 2018 und zum Wiederaufbau der Garnisonkirche“.

    Vor drei Jahren war die Veröffentlichung in eine gemeinsame Friedensandacht der Profilgemeinde „Die Nächsten“, der Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“, der Martin-Niemöller-Stiftung, des „Vereins zur Fördervereins antimilitaristischer Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.“ und der BI „Potsdam ohne Garnisonkirche“ eingebettet.

    Die Thesen haben ihre Botschaft und Ernsthaftigkeit bis heute nicht eingebüßt. Die 1. der 80 Thesen stammt von Martin Luthers Thesenanschlag vom 31.10.1517. und lautet:

    „Denn durch ein Werk der Liebe wächst die Liebe und wird der Mensch besser, aber durch den Turmbau wird er nicht besser, sondern nur eitler. (nach Lutherthese 44)“

    Der moderne Thesenanschlag endet mit:

    „Lasst uns ein Haus der Geschichte, Mahnung und Erinnerung bauen – ohne Turm!“

    Hier der Download zu den 80 Thesen gebündelt und einzeln:

  • Job an den Nagel gehangen

    Advent, Advent, kein Lichtlein in der Kapelle brennt?

    Frau Radeke-Engst hat ihren Job als Pfarrerin der Nagelkreuzkapelle nach längerer Krankheit an den sprichwörtlichen Nagel gehangen. Sie geht in den Ruhestand. Mal sehen, wer sich als nächstes in das Diktat und die Klauen des Alt-Bischoffs Huber begibt.

    Aus diesem Anlass lässt die MAZ pünktlich zum Reformationstag die typischen Protagonisten des GK-Projektes zu Wort kommen. Gewohntermaßen fallen diese Worte bei einer Verabschiedung einer Pfarrerin wohlwollend und salbungsvoll aus.

    Doch schauen wir doch mal hinter die Kulissen der Worthülsen:

    „Die Profilgemeinde hat kein Gebiet mit Kirchengliedern, sondern nimmt Interessierte auf. Wer hier Pfarrer ist, muss um Mitglieder werben – wie sie Radeke-Engst es mit unzähligen Einladungen tat.“ Wie erfolgreich war sie dabei? Letztendlich gehen immer die gleiche 10-12 Schäflein dahin. Einen echten Bedarf gibt es scheinbar nicht, denn all diese Stammgäste sind auch Mitglied einer anderen Gemeinde.

    „Es ist eine Schwingtür zwischen Kirche und Gesellschaft, zwischen Christen und nicht-christlichen Menschen, beschreibt Wieland Eschenburg, Kommunikationsvorstand der Stiftung Garnisonkirche, die Gemeinde und die Nagelkreuzkapelle.“ Auch Unsinn. Es ist eine religiöse Einrichtung für die eigene Klientel. Wer als kleiner Teil der Gesellschaft die Gesamtheit erreichen will muss nach draußen gehen und nicht glauben, dass interne, innerreligiöse Debatten und Veranstaltung einen Öffnungseffekt haben. Die Schwingtür wurde eher als Rausschmiss-Tür verwendet. Denn immer dann, wenn wirklich diskutiert wurde, wurde dies als Störung der Religionsausübung gewertet, angemahnt oder gar angezeigt. Grundlos, wie sich später rausstellte.

    „Durchschnittlich 22 Veranstaltungen im Jahr, zählte Matthias Dombert, Vorsitzender der Fördergesellschaft, in seiner Rede am Samstag auf. Dazu jährlich 55 Gottesdienste und 52 Friedensgebete. Nur wer konsequent diese Arbeit ausblende, könne den Turm-Befürwortern Revisionismus unterstellen…“ 55 Gottesdienste und 52 Friedensgebete sind für eine evangelische Kirche Standard. Das gab es auch in Kriegszeiten. Jede Woche einmal den lieben Gott anbeten und Frieden und Gerechtigkeit einfordern ist lobenswert, aber nicht übermäßig viel. 22 Veranstaltung im Jahr klingt nach Arbeit. Dafür gibt es aber eine volle Stelle seitens der Kirche und den bezahlten Apparat der Stiftung noch dazu. Das relativiert rein zahlenmäßig der Erreichte, wenn man bedenkt, dass die Kritiker*innen viel mehr Veranstaltungen und Publikationen pro Jahr umsetzen. Und dies ehrenamtlich! Übrigens Herr Dombert, die Kritiker*innen nehmen vieles was die Nagelkreuzkapelle oder der wissenschaftliche Beirat tut, als ihren Erfolg war. Die massive öffentliche Kritik war doch Ansporn für die Arbeit in der Kapelle und führte doch erst zur Einrichtung eines solchen Beirats. Von allein hätte sich doch Vieles nicht bewegt!

    Ein Beispiel: Seit wann liegt den Grünzigs Buch über die Garnisonkirche in dieser Kapelle aus? Dies geschah doch nur durch öffentlichen Druck. Warum predigte die Pfarrerin in Nagelkreuzkapelle am „blutbeschmiertem“ Feldaltar, wenn doch das Nagelkreuz „Kompass“ des Handels ist? Das Eingeständnis, dass die Garnisonkirche ein Ort der Täter war, kam spät. Durch die öffentliche Kritik, bewegt sich das Projekt aus der revisonistischen Ecke langsam – sehr langsam – heraus. Das Grundkonzept von Max Klaar wurde jedoch bisher nicht wirklich verändert. Nur ein Bruch der Turmkulisse kann ein ernsthafter Beleg für eine veränderte Botschaft sein. Ein Bibelvers im Sockel ist eher ein Selbstverständnis für eine Kirche, als ein wirkliches Zeichen für einen Bruch mit der Vergangenheit und der Symbolik des Gebäudes.

    Witzig ist diese Textpassage in der MAZ:

    Wer immer die Nachfolge antritt, müsse „kommunikative Qualifikationen“ mitbringen. Eschenburg erwartet Bewerbungen von jungen Pfarrerinnen und Pfarrern, wenn die Stelle Mitte November ausgeschrieben wird. Immerhin wird sie oder er die Eröffnung des Garnisonkirchturms erleben.“ Wird die Eröffnung noch solange dauern, dass Frau Radeke-Engst dann schon tot ist? Oder wird sie nicht eingeladen, weil sie längst die Nase voll hat und nichts mehr mit dem Geschehen zu tun haben will?

    von DER LINKE

  • Humboldtforum ehrt rechtsradikalen Großspender

    Ein Beispiel wie Rechtsradikale und Rechtskonservative durch ihre Spenden Baupolitik und Erinnerungskultur beeinflussen.

    Im Humboldtforum wird der Großspender Erhardt Bödecker mit einem Medaillon geehrt, der rechtsradikale Ansichten vertrat und sein Preußenbild mit antisemitischen und antidemokratischen Positionen verband. Zudem besteht der Verdacht, dass er für die Durchsetzung der Rekonstruktion der Kuppel eine entscheidende Schlüsselrolle spielt. Dies ist einem Artikel von Philipp Oswalt zu entnehmen, der am 28.10.2021 im Tagesspiegel (Link) erscheinen ist.

    Die Stiftung Humboldt Forum distanziert sich nun von Bödeckers Positionen und will ihrem Stiftungsrat eine Prüfung der Frage vorschlagen, ob eine Änderung der Spenderehrung erfolgen soll. Der Präsident des Zentralrats der Juden Deutschlands Josef Schuster begrüßt die Prüfung und meint, dass die Ehrung von Ehrhardt Bödecker äußerst kritisch hinterfragt werden müsse, zumal seine Postion klar antisemitisch sei.

    Die Frage ist doch nur, warum haben die Wiederaufbaufans der Stadtschlosskulisse das Geld erst angenommen? Fand auch dort, wie hier bei der Garnisonkirche, keine Offenlegung der Spender*innen statt? Beim Wiederaufbau der Garnisonkirche haben Spender erreicht, dass nicht das Nagelkreuz dem Turm eine klare neue Aussage gibt, sondern dass die nachgebaute Wetterfahne die Stadtkrone wird. Eine Wetterfahne die eine klare Botschaft, eine Kampfansage gegen Frankreich enthält, soll von oben herab, zukünftig alles Reden von Toleranz und Vergebung überdecken.

    Das Humboldt-Forum bekam eine Kuppel mit Kreuz. Dieses Kuppelkreuz radikalisiert mit dem Zitat aus der Zeit der Reaktion. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. formulierte 1853 mit der Inschrift einen christlichen Vormachtsanspruch. „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Die Inschrift kündet damals von der antidemokratischen und antisemitischen Einstellung des Königs und heute von der Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen! Analogien zur Garnisonkirche sind unverkennbar.

    Die aktuellen Recherchen von Oswalt bestätigen vielfältige, fragwürdige Einflussnahme: „Die Witwe des Versandhändler Werner A. Otto hatte in Erinnerung an ihren Ehemann das vier Meter hohe Christuskreuz mit Reichsapfel auf der Schlosskuppel gestiftet. Dieser hatte sich zwar seit Lebens mit politischen Äußerungen in der Öffentlichkeit zurückgehalten, aber im Jahr 2001 dem rechtsradikalen Bundeswehroffizier a.D. Max Klaar drei Millionen Mark für den Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam zugesagt. Während das Problem einer rechtslastigen Ikonografie sich beim Berliner Schloss auf die Kuppel mit ihrer reaktionär-antifreiheitlichen Inschrift und dem Kreuz sowie die Spendenehrung für Bödecker konzentriert, betrifft es in Potsdam den gesamten Bau.“

    Der Bund als Bauherr und Hauptförderer der preußischen Symbolbauten in Berlin und Potsdam muss sich der Frage stellen, ob aus fehlender Achtsamkeit nicht immer eine klare Abgrenzung zu rechtslastigen Spendern erfolgt ist. Es geht dabei nicht nur um Geld. In Potsdam hat die einstige Spendenvereinigung um Max Klaar die Initiierung und Ausgestaltung des gesamten Bauvorhabens der Garnisonkirche wesentlich geprägt. Daran änderte bis heute auch die „Übernahme“ des Projektes durch die evangelische Kirche und die Stiftung Garnisonkirche nichts.

    Der Bund als Bauherren hat mit den optionalen Bausteinen in Berlin Spender*innen die Möglichkeit gegeben, auf die Ausgestaltung des Bauwerks Einfluss zu nehmen. Im Frühjahr 2013 stand die Entscheidung an, ob das „Humboldt-Schloss“ mit oder ohne historischer Kuppel gebaut wird. Oswalt bestätigt, dass eine Spende die Entscheidung beeinflusste. „Mit einer siebenstelligen Spendenbetrag sicherte ein vom Förderverein eingeworbener Spender die Realisierung dieses ideologisch besonders problematischen Bausteins des Bauvorhabens. Bödeckers Spende war siebenstellig. Zu Fragen ihrer Zweckbindung verweigert die Stiftung Humboldtforum aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ (Telefonat am 26.10.2021) die Auskunft. Doch die Öffentlichkeit hat ein Anrecht zu erfahren, ob sie den Bau der historischen Kuppel einem rechtsradikalen Spender verdankt.“

    Wer war Bödecker?

    Er war Jahrgang 1925 und wurde als Autor besonders mit Werken über die preußische Geschichte bekannt. Das Brandenburg-Preußen-Museum in Wustrau wurde von ihm konzipiert. Er investierte 6,7 Millionen Euro für die Zurschaustellung seiner Geschichtsauswahl. Bödecker gehörte dem 1969 von Hans-Joachim Schoeps und Louis Ferdinand von Preußen auf Burg Hohenzollern gegründeten „Zollernkreis e.V.“ an.

    Philipp Oswalt schreibt über Bödecker: „Nicht nur, dass er die Zahl von sechs Millionen Holocaustopfern bestreitet. Für den im Kaiserreich praktizierten Ausschluss von Juden aus Armee und Verwaltung äußert er Verständnis, denn dieser sei in dem legitimen Wunsch des Staates nach Homogenität begründet gewesen. Deutschland und Europa leide seit 1918 unter dem „talmudischen ,Niemals vergessen’“ (Preußen und die Wurzeln des Erfolgs, 2005). Das Ende des Zweiten Weltkriegs habe zur „Selbstvergottung der Sieger“ (Vae Victis, wehe den Besiegten, 2002) geführt, die „das politisch Ziel der persönlichen Demütigung und Erniedrigung der Deutschen, der Untergrabung unseres nationalen Selbstbewußtseins“ (ebenda) verfolgten. Bödecker meinte, die westlichen Siegermächte hätten sich auf eine „besondere Demütigung geeinigt, indem sie den Deutschen eine Art Gehirnwäsche verordneten, die als Reeducation oder Umerziehung in die Nachkriegsgeschichte eingegangen ist“ (ebenda). Und dieses Elend sei den Juden zuzuschreiben, denn die „Reeducation“ der West-Alliierten sei auf dem Einfluss der in die USA exilierten, jüdischen Soziologen der Frankfurter Schule zurückzuführen (Preußen und die Wurzeln des Erfolgs, 2005). Die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten sei von Großbritannien schon 1939 ins Auge gefasst worden (ebenda). Ihr seien 2,5 Millionen Deutsche zum Opfer gefallen (Vae Victis, wehe den Besiegten 2002), mithin angeblich fünf mal soviel wie von den Geschichtswissenschaften konstatiert. Während Bödecker von unserem heutigem Gesellschaftswesen wenig hielt, schwärmte er vom Kaiserreich. Die sei der „erfolgreichste Staat der deutschen Geschichte“ (Preußen – Die Antipreußische Gehirnwäsche, 2001) gewesen. Dank Kanzler und Kaiser sei Deutschland erblüht wie nie wieder. Ein Völkermord an den Herero und Nama habe es nicht gegeben (Preußen und die Wurzeln des Erfolgs, 2005). Der preußische Militarismus würde heute verleumdet, sei aber historisch betrachtet „ausgesprochen positiv“ (Interview Junge Freiheit 2007) gewesen.“

    von DER LINKE

  • Garnisonkirche: Architekturkopist Albrecht als Apostel Thomas

    von Carsten Linke

    „Für ein historisches Kirchenschiff hat er alles vorbereitet.“ sagt Architekturkopist Albrecht gegenüber der MAZ am 11.Oktober. Apostelgleich wird er zum Sprachrohr derer, die am Tisch der Stiftung Garnisonkirche sitzen und mit Altbischof Huber steuerfinanziertes Brot essen und Wein trinken. Es war nicht anders zu erwarten, dass einer der Aufbaujünger dieser Tage pressewirksam und arrogant in Erscheinung tritt.

    Nachdem Anfang Oktober die Tagung „Gott mit uns! Das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus“ im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Berlin stattfand, und im Deutschlandfunk [1] sowie in Kirchenzeitungen [2] (nur nicht in MAZ und PNN) reflektiert wurde, musste eine Gegenreaktion erfolgen. Die zweitägige Tagung gab Denkanstöße zum Thema des preußisch-deutschen Nationalprotestantismus und Impulse für die zukünftige Ausgestaltung des Gesamtensembles am Erinnerungsort Garnisonkirche Potsdam. Dabei wurden Fragen nach dem Zusammenhang von Nationalismus und Protestantismus gestellt. Altbischof Huber war den vielen fachlichen Argumenten nicht gewachsen. Selbst vom eigenen wissenschaftlichen Beirat kam Kritik.

    Der Politikwissenschaftler Hajo Funke stellte fest: die Garnisonkirche stehe für die „Initiierung der Totalherrschaft“ im NS-System und lasse sich nicht davon trennen. Deshalb sei ein Bruch notwendig, der neue Turm sollte als Zeichen der Umkehr unvollendet bleiben. Es spreche „mehr für eine Ruine“ als „Wunde, an der wir arbeiten können“. Deshalb passt die Äußerung Albrechts als Kontrapunkt in die Zeit. Statt Baustopp mit Deckel und Nagelkreuz drauf, protzt Kopist Albrecht damit, dass er bereits den Acker für das komplette Gotteshaus bestellt hat.

    Thomas Albrecht arbeitet sich an den Symbolbauten in Potsdam und Berlin ab. Zu der Dreifaltigkeit seines Glaubens ans schöne Gestrige und seines einfältigen Schaffens gehören die Kopien des Humboldt-Forums, des Palais Barberini und die des Turms der Garnisonkirche. Letzteren hält er für signifikanter als das Forum in Berlin und trotzdem nur für „das Servicegebäude für das Schiff“ [3]. Er hat den zweiten historisierenden Bauabschnitt bereits im Detail vorgeplant. Vor seinem inneren Auge steht schon das nutzlose Kirchenschiff. Auch das Rechenzentrum ist schon weg. „Das muss abgerissen werden. Es gibt keine rechtliche Handhabe, das zu verhindern. Es ist eigentlich schon passiert“, sagt Thomas Albrecht bei seiner Führung übers Baufeld auf Nachfrage. Natürlich gibt es diese rechtliche Handhabe. Es bedarf nur des politischen Willens seitens der Stadt und eines einzigen versöhnlichen Gedankens der Stiftung.

    Über die militärische Symbolkraft der Schmuckelemente am Kirchturm sagt Albrecht: „Wenn man Geschichte nachbaut, muss man auch diese Sachen nachbauen. Es gibt zwar Diskussionen, aber das muss man aushalten.“ Um sich im nächsten Atemzug über alle Bedenken zum Kirchenschiff hinwegzusetzen. Die Einwände, dass es weder ein Konzept noch Geld für das Kirchenschiff gibt und auch dass die evangelische Kirche den historischen Nachbau ablehnt, lässt er nicht gelten. Mehr als 100 Mio. € würden dafür notwendig werden, wenn nach heutigen Preisen kalkuliert wird. Nicht einmal 10 Mio. € Spenden haben die Kirchenliebhaber bisher für den 50 Mio. € teuren Turm zusammen bekommen. Lächerlich!

    Geschichte nachbauen, unreflektiert, ist der Beginn von Geschichte relativieren, ein Schritt zu Geschichte revidieren und das Einfallstor für die, die Geschichte gern neu erzählen wollen. So verhilft architektonischer Kleinmut der neuen wie alten Rechten zu Hochmut. Die unkritische Arroganz Albrechts ist Teil des Hochmuts der Stiftung Garnisonkirche und deren Befürworter*innen. Falls die Stiftung irgendetwas aus den Debatten der letzten Jahre gelernt hat, dann sollte sie sich zu Thomas Albrecht kritisch äußern – öffentlich.

    Kopist Albrecht ist scheinbar einer von den Menschen, die gern mit öffentlichen Geldern sich selbst verewigen und damit prahlen wollen. Die Armseligkeit der Tatsache, dass er das Gipsmodell eines barocken Helms mit Federbusch für sein Eigenheim „gerettet“ (sprich entwendet) hat, um sein privates Treppenhaus zu schmücken und damit auch noch öffentlich angibt, sagt alles. Einfältigkeit.

    Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben. Eine andere einfältige Dreifaltigkeit. Versöhnung kann nicht eingefordert oder von Täter*innen verlangt werden. Dies können uns nur die Opfer anbieten. Die Versöhnungsfloskel ist eine Zumutung für die Opfer der Soldaten, die in dieser Militärkirche ihren Segen erhielten und über viele Teile der Welt den Tod brachten.

    Verantwortung lernt niemand, wenn er wie im „Ruf von Potsdam“ Geschichte verfälscht und an die Reflexe des Nationalprotestantismus und seine Unschuldsbekundungen nach dem Weltkrieg anknüpft. Es ist wichtig Geschichte zu erinnern, auch die der Hof- und Garnisonkirche. Aber dazu benötigt auch niemand eine Originalkopie. Geschichte erinnern, kann täglich am Platz der Einheit* und vielen anderen Orten in dieser Stadt erfolgen. Jeder einzelne Stolperstein macht dies deutlich. *Auch die evangelischen Kirchen haben Jahrhunderte komplett versagt gegenüber den Deserteuren, Antifaschist*innen/Kriegsgegner*innen und der jüdischen Bevölkerung.

    Die, die rund um Altbischof Huber an der großen Tafel der Stiftung Garnisonkirche sitzen und auf Kosten der Steuerzahler*innen reichlich Brot essen, Wein trinken und Wasser predigen, haben nicht nur den Bezug zum 21. Jahrhundert verloren, sondern auch zur Geschichte. Die Geschichte von Protestantismus und Politik im 19. Und 20. Jahrhundert ist durch das komplexe und belastete Verhältnis zur Nation geprägt. Im kaiserlichen Deutschland setzte der Nationalprotestantismus einen radikalen, politischen Ton, im Ersten Weltkrieg formulierte er die Siegespolitik mit und in der Weimarer Republik öffnete er weite Teile der deutschen Bevölkerung für den Nationalsozialismus. Und genau für diese Traditionslinie ist die Garnisonkirche, vor allem ihr Turm, ein zur Ikone gewordenes Symbol. Da helfen auch keine auf Frieden ausgerichtete Füße. Helfen würden Taten, Umkehr und Diskurs.

    Doch selbst diesen will Altbischof Huber nicht wirklich: Er bekundet zwar, dass er die Recherchen der Projektgegner*innen (die alle ehrenamtlich tätig sind) positiv sehe. Aber zeitgleich rief er die Kritiker*innen auf, zurückhaltender zu debattieren. Die Art der Diskussion sei „spendenabschreckend“.

    Lieber Herr Huber, das ist unsere Absicht gewesen und bleibt sie auch. Wir hoffen auch, dass die neue Bundesregierung den Geldhahn endlich zudreht. Denn zu einem öffentlich finanzierten Projekt muss es auch eine breite öffentliche Debatte geben. Auch die Historikerin Agnieszka Pufelska empfahl, anstelle der Kirche ein kritisches Museum des preußischen Militarismus zu schaffen. Dies würde der Stadt und der Gesellschaft mehr bringen als ein weiterer Musiksaal in der Hülle des Kirchenschiffes, wie es sich Mitteschön und Architekturkopist Albrecht erhoffen.

    [1] Beitrag über die Tagung ‚Gott mit uns – das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus‘ im DLF nach 20.10 auf dem Sendeplatz ‚Aus Kultur und Sozialwissenschaften‘ gesendet.

    https://www.deutschlandfunk.de/aus-kultur-und-sozialwissenschaften.1147.de.html

    [2] www.die-kirche.de/nr.40/10.Oktober2021 FOKUS Seite 3

    http://www.die-kirche.de/nr.40/10.Oktober2021%20FOKUS%20Seite%203

    [3] MAZ-online vom 11.10.2021

    https://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Garnisonkirche-Potsdam-Ein-Rundgang-mit-Architekt-Thomas-Albrecht-ueber-die-Baustelle
  • „Friedensgarnisonkirche? – Über den Zusammenhang von Religion und Militär“

    Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg lädt zu einem antimilitaristischen Stadtrundgang, Vortrag und Diskussion über den Zusammenhang von Religion und Militär ins Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum ein. Die zweiteilige Veranstaltung findet in Kooperation mit dem alternativen Lernort-Garnisonkirche statt.

    Die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts errichtete Garnisonkirche war bis zu ihrer Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs die wichtigste Militärkirche in Deutschland. Direkt nach der Wende begannen prominente Persönlichkeiten, ihren Wiederaufbau zu forcieren. Als sich dagegen Widerstand erhob, kam der widersprüchliche Gedanke auf, die Garnisonkirche zwar als ruhmreiche Haus- und Hofkirche der Hohenzollernmonarchie wiederzuerrichten, sie gleichzeitig aber zu einer Friedenskirche und einem demokratischen Versöhnungsort zu erklären. Blickt man in der Geschichte zurück, wurden ausnahmslos alle Kriege, für die in der Garnisonkirche gepredigt und gebetet wurde, mit dem Argument des Friedens begründet.
    Der Diskussionsabend nimmt die letztes Jahr erfolgte Zusicherung einer Spende aus dem Wehretat des Verteidigungsministeriums in Höhe von 350.000 Euro zum Anlass, um über das Verhältnis von Religion und Militär nachzudenken.

    Donnerstag, 7. Oktober 2021, 17:30 bis 21 Uhr
    Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum, Dortustraße 46, 14467 Potsdam

    17:30 Uhr: Antimilitaristische Stadtführung durch Potsdams Innenstadt mit Carsten Linke (Verein zur Förderung antimilitaristischer Tradition), Treffpunkt: Vor dem Rechenzentrum
    19:30 Uhr: „Friedensgarnisonkirche? Über den Zusammenhang von Religion und Militär“
    Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Horst Junginger (Religionswissenschaftler an der Universität Leipzig; Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Lernortes),
    Moderation: Carsten Linke
    Im Anschluss Gespräche rund um den Lernort Garnisonkirche

    Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldungen bitte an: info@bbg-rls.de<mailto:info@bbg-rls.de> oder 0331-8170432

  • Gott mit uns – das schwierige Erbe…

    Koppelschloss im 1. Weltkrieg

    Die Potsdamer Garnisonkirche, deren Kirchturm gegenwärtig wieder aufgebaut wird, steht nach Ansicht der Bauherr*innen für „christlich verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden.‘“ Was ist damit gemeint? Und ist die Begründung für die Wiedererrichtung der Garnisonkirche als nationaler Erinnerungsort der Bundesrepublik Deutschland überzeugend? Das Symposium „Gott mit uns – das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus“ will die Frage nach dem Zusammenhang von Nationalismus und Protestantismus erörtern. Kann der „Mythos Preußen“ auch unter demokratischen Bedingungen eine Rolle spielen und inwieweit kommt in ihm nationalprotestantisches Gedankengut zum Tragen?

    (mehr …)
  • Mehrheit der Berliner*innen sagt JA zum Volksentscheid

    Die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen” erklärt den Volksentscheid für gewonnen. Die beendete Auszählung zeigt mit 56,4 Prozent Ja-Stimmen gegenüber 39 Prozent Nein-Stimmen ein klares Votum. Das notwendige Quorum von 611.900 Stimmen wurde weit übertroffen. Mehr als 1 Millionen Berliner*innen haben sich für den Volksentscheid ausgesprochen. Interessant ist auch, dass lediglich in zwei Wahlbezirken gegen den Volksentscheid gestimmt wurde: Reineckendorf und Steglitz-Zehlendorf. Beides CDU-Hochburgen bei den gestrigen Wahlen.

    Der zukünftige Senat ist nun dazu aufgerufen, ein Gesetz zu erarbeiten, um große Wohnungskonzerne mit mehr als 3.000 Wohnungen in Berlin zu enteignen und zu vergesellschaften. Mehr als 240.000 Wohnungen sollen durch eine Anstalt öffentlichen Rechts in Zukunft gemeinwohlorientiert bewirtschaftet werden.

    (mehr …)