Kategorie: Wem gehört Potsdam?

  • Der Staudenhof – Das Symbol für die Bauwende in Potsdam

    In einem offenen Brief haben heute hunderte Menschen und Organisationen aus Politik, Klimaforschung, Architektur, Wissenschaft und Kultur den Erhalt des Staudenhofs in Potsdam gefordert und damit zu einer Bauwende in der Stadt aufgerufen.
    Im Grunde hat sich hier fast die komplette Potsdamer Stadtgesellschaft zusammengetan mit namhaften Expert*innen für Stadtentwicklung und Kilmaschutz, Architektur und eine soziale Stadt.
    Es ist ein riesiger Erfolg der Aktivengruppe zur Rettung des Staudenhofs, dass sich hinter der Forderung, den Staudenhof zu erhalten und als Symbol für eine Bauwende in Potsdam sozial und ökologisch zu sanieren. Viele Menschen aus dem Netzwerk „Stadt für alle“ waren an diesem Prozess die letzten Monate beteiligt.

    Jetzt wird es spannend zu sehen, wie die Politik in Potsdam auf diesen offenen Brief reagiert. Immerhin stehen auch namhafte Vertreter*innen der Grünen unter dem Aufruf – während die Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung bisher immer für den Abriss und eine barocke Neubebauung stand. Die Frage ist vor allem: Wird es möglich sein, SPD und Grüne in Potsdam aus ihrer Blase zu holen, in der sie sich nun schon seit 32 Jahren immer wieder nur selbst bestätigen, dass 1990 irgendwann mal beschlossen wurde, eine „behutsame Wiederannäherung an das barocke Stadtbild“ zu erreichen – und dabei inzwischen alle aktuellen Erkenntnisse von Stadtplanung, Klimaschutz und Sozialpolitik ignorieren.

    www,staudenhof.info

    Wir dokumentieren:

    Offener Brief: Retten wir den Staudenhof – gemeinsam die Bauwende gestalten!

    Pressemitteilung des Aktivenkreises

    Pressemitteilung, 25.11.2022

    Breites Bündnis für Erhalt des Staudenhofs: klimafreundlicher und sozialverträglicher Umbau gefordert.
    Neue Perspektiven für den Staudenhof: Vertreter aus der Potsdamer Zivilgesellschaft haben
    gemeinsam mit Experten aus Wissenschaft und Architektur einen Aufruf verfasst, der den Erhalt des historischen Gebäudekomplexes fordert. Ziel ist es, das Gebäude am Alten Markt 10 den sog. Staudenhof – zu einem klimafreundlichen und sozialverträglichen Modellprojekt umzubauen. Die Politik fordern sie auf, den geplanten Abriss des bewohnten und genutzten Gebäudes zu stoppen und sich stattdessen für eine umfassende Modernisierung zu entscheiden.

    Die Prämissen, die seinerzeit zu dem Abriss-Beschluss geführt hätten, seien angesichts der sich zuspitzenden Klimakrise hinfällig, argumentiert die Initiative, zu der sich eine Gruppe von 40 Aktiven aus Potsdam zusammengeschlossen hat.
    „Der Energie- und Ressourcenverbrauch beim Neubau von Gebäuden ist gigantisch“, sagt der Potsdamer Architekt Philipp Jamme, der zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs gehört. „Allein die Produktion von Zement ist weltweit für acht Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Bau- und Abbruchabfälle machen außerdem mehr als die Hälfte des in Deutschland anfallenden Mülls aus. Das bisher übliche Abreißen und Neubauen von Gebäuden schadet deshalb massiv unserem Klima und passt einfach nicht mehr in die Zeit.“

    Dass funktionstüchtiger Gebäudebestand erhalten bleibt, statt durch klimaschädlichen Neubau mit historisierenden Fassaden ersetzt zu werden, ist deshalb erstes Ziel der überparteilichen Initiator:innen. Doch sie bringen weitere Argumente in die Debatte ein. „Das Gebäude Staudenhof ist ein qualitativ hochrangiger Beitrag zur Ostmoderne. Durch seinen Abriss würde ein herausragendes Gebäude ostdeutscher Zeitgeschichte zugunsten neu-barocker Nachbauten verschwinden“, sagt Prof. Stephanie Herold, Denkmalpflegerin an der TU Berlin. „Ein weiteres Stück Potsdamer Identität würde unwiederbringlich verloren gehen“.
    Zudem ziehe jeder Abriss von genutztem Wohnraum die Vertreibung langjähriger Bewohner und den
    Verlust von bezahlbarem Wohnraum nach sich, argumentiert die Initiative. Im Falle des Staudenhofs bedeute das den Verlust von 186 Wohneinheiten und die Vertreibung von über 230 Kindern und Erwachsenen aus der Innenstadt.

    Der Aufruf erfährt breite Unterstützung und hat bereits jetzt zahlreiche Unterzeichnende aus vielen Teilen der Bevölkerung gewonnen. Dazu gehören Personen aus der Zivilgesellschaft, Politiker:innen, Expert:innen, Wissenschaftler:innen und Kulturschaffende bis hin zu Institutionen, Kammern und Verbänden. Auch darüber hinaus befürworten immer mehr Potsdamer den Erhalt des Staudenhofs. So haben sich in einem aktuellen Bürgerbeteiligungsverfahren der Stadt Potsdam knapp 5.300 Bürgerinnen und Bürger für den Erhalt und die Sanierung des Gebäudes am Staudenhof ausgesprochen.
    Susanne Wartzeck, Präsidentin des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten: „Wir schließen uns der Forderung an, die Diskussion um den Staudenhof unter den Zeichen der Klimakrise neu zu führen, das Gebäude zu erhalten und zu einem Modellprojekt der sozialen und nachhaltigen Stadtentwicklung umzubauen.“
    Andreas Rieger, Präsident der Brandenburgischen Architektenkammer, begründet die Notwendigkeit einer Debatte zum Abriss des Staudenhof und dem Ersatzneubau mit der Frage, ob ein Neubau tatsächlich eine Verbesserung ist gegenüber einer Instandsetzung und Modernisierung des Staudenhofs:
    „Hinsichtlich des Klimaschutzes sicher nicht. Gibt es also noch andere Argumente, die für einen Abriss sprechen? Können wir in Europa als Hauptverursacher des Klimawandels mit diesen Argumenten noch den anerkannten Anforderungen
    an den Klima- und Ressourcenschutzes gerecht werden? Die derzeit realisierten Bauten am alten Markt lassen schlimmes befürchten. Der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung erweist sich als eine verpasste Chance für die Baukultur in Brandenburg.“

    Am 07.12.2022 wird im Rahmen der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung dieser Aufruf
    dem Oberbürgermeister offiziell übergeben

  • Umverteilen! Von oben nach unten.

    In Berlin sind am Samstag Tausende für die Umverteilung des Reichtums von oben nach unten und eine sozialere Politik auf die Straße gegangen. Sie folgten damit dem Aufruf des neu gegründeten Bündnisses Umverteilen, dem sich mehr als 50 Berliner Gruppen angeschlossen haben (Umverteilen – Berliner Aktionsbündnis – Demo: 12.11.). Die Demonstration, die sich am Samstag-Mittag am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus sammelte, ist damit bundesweit der bislang größte linke Sozialprotest in diesem Herbst. Unter den etwa 7000 Teilnehmer*innen waren auch viele Potsdamer*innen.

    Die Forderungen und Themen auf der Auftaktkundgebung spiegelten die Breite des Bündnisses wider: Mietendeckel, Milieuschutz contra Verdrängung, Energiepreisewucher (auch durch Selbstbedienung der beteiligten Konzerne), fehlender Klimaschutz, Kritik an Aufrüstung und Militarisierung.

    Vor allem aber die Forderung nach einer stärkeren Besteuerung des Reichtums war hör- und auf vielen Schildern und Transparenten sichtbar. „Am Geld für Sozial- und Klimagerechtigkeit fehlt es nicht“, so ein Redner stellvertretend für viele. Eine andere Rednerin: „Sie sind reich, weil wir arm sind.“ Auch deshalb: „Umverteilen! Von oben nach unten.“

    Quer durch alle Themenbereiche haben damit die sozial und ökologisch geprägten Gruppen ein vereinendes Thema gefunden. Alleine sind sie damit nicht: Selbst der Internationale Währungsfonds oder die Wirtschaftsweisen hatten sich zuletzt dafür ausgesprochen. Selbst der Papst sagt „dieses Wirtschaftssystem tötet“. Eine nachhaltige Entwicklung zu Gunsten aller ist damit nicht möglich.

    Der Demonstrationszug glich einem Mosaik der Bewegungslinken der Stadt, die dieser in den vergangenen Jahren ihren Stempel aufdrücken konnte. Hinter dem pinken Fronttransparent, gingen im Block der Mieter*innen­Bewegung viele Hausprojekte, Stadtteilnetzwerke und die Initiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ auf die Straße. Auch Gewerkschaften waren dabei. Im Gesundheitsblock sammelten sich Pflegekräfte und Ärzt*innen der im vergangenen Jahr erfolgreich streikenden Krankenhausbewegung. Im Klimablock vereinigten sich Fridays for Future mit der BUND-Jugend, Ende Gelände, Extinction Rebellion, „Sand im Getriebe“ und dem aktuell laufenden Volksentscheid „Berlin 2030 klimaneutral“.

    Dem Umverteilen-Bündnis hatten sich gleich mehrere weitere Krisenbündnisse angeschlossen, darunter die Initiative „Genug ist genug“, der es bislang zumindest online gelang, so etwas wie die Stimme der linken Sozialproteste zu sein, sowie die Kampagnen #IchBinArmutsbetroffen und „Nicht auf unserem Rücken“. Den Veranstalter*innen gelang es auch, sich vom breiten rechten Rand der Gesellschaft abzugrenzen, die die aktuellen Themen gern für sich missbrauchen. Ebenso hielten die Veranstalter*innen einige Alt-Linken, die sich trotz Ukraine-Krieg nicht von alter Russland-Solidarität lösen konnten, auf Abstand.

    Fazit von Umverteilen!:

    „Wir sind hoffnungsvoll, weil so viele Menschen mit uns auf der Straße waren. Wir sehen eine breite Bewegung für Umverteilung von oben nach unten. Das war ein guter Auftakt und so muss es weitergehen!“

  • GK nein danke! Bürgerhaushalt 2023/24

    „Garnisonkirche – nein danke!“ ist die klare Botschaft der Potsdamer*innen im aktuellen Bürgerhaushalt 2023/24.

    Mehr als 125.000 Voten wurden von über 10.000 Bürger*innen bisher vergeben. Über 10.000 Punkte hat der Vorschlag Nr.10 „Kein Stadtgeld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ nach aktuellem Auszählungsstand erhalten. (1)

    Mit mehr als 2500 Punkten liegt dieser Vorschlag vor dem Nächstplatzierten. Im Bereich Haushaltssicherung gehen rund 25 Prozent aller Stimmen, also jedes vierte Kreuz auf „Kein Stadtgeld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“!

    Über „Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ wurde 2012 erstmals abgestimmt. Seit vielen Jahren erreicht dieser Vorschlag zur Haushaltssicherung den Platz 1 des Bürgerhaushaltes (2013-2021). So ist es auch diesmal. Eine Ausnahme gab es nur 2017. Da erreichte der Vorschlag der Bürger*innen nur Platz 2 hinter „Kein städtisches Geld für den Abriss des Hotel Mercure“.

    Seit 10 Jahren votieren die Bürger*innen der Stadt mit diesem Votum nicht nur für die Haushaltssicherung, sondern gegen das Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche. Der Bürgerhaushalt ist leider die einzige Form der Mitbestimmung. Ein direktes Votum pro/contra Wiederaufbau dieses militaristisch-preußischen Symbolbaus wurde den Bürger*innen der Stadt immer verwehrt. Kein Wunder also, dass der Vorschlag alljährlich mit Abstand das Ergebnis dominiert. Sicherlich tragen auch die vielen Schlagzeilen zum mangelnden inhaltlichen Konzept und zur fragwürdigen Finanzierung sowie das Gebaren der Stiftung Garnisonkirche zum negativen Votum der Bevölkerung aktiv bei. Einen Rückhalt in der Bevölkerung hat das Projekt nicht!

    „Kein Stadtgeld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“ bedeutet auch, kein städtisches Geld direkt oder indirekt der Stiftung GK über das angedachte „Haus der Demokratie“ zukommen zu lassen. Weder durch eine Pachtzahlung noch durch ein städtisch finanziertes Gebäude mit gemeinsamer Gebäudenutzung. All das wäre eine Subventionierung durch die Hintertür. Die Politik der letzten Jahre hat sich immer stärker von der Willensbildung und Willkür der kirchlichen Stiftung abhängig gemacht. Kein Städtisches Geld für die kirchliche Stiftung (die sich gern der öffentlichen Kontrolle entzieht), ist auch ein klares Votum für die gebotene Trennung von Staat und Kirche.

    Der Vorschlag 11 „Die Stadt Potsdam führt eine öffentliche Einwohnerbefragung zur Zukunft des Areals rund um die Plantage, Garnisonkirche und Rechenzentrum durch. Grundlage dafür können die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie zur Gestaltung des Standorts sein.“ hat es nicht in die Liste der letzten 20 geschafft. Das liegt sicherlich daran, dass es noch gar keine Machbarkeitsstudie gibt und schon gar keine Prämissen für eine solche Studie. Viel zu viel ist unklar beim Projekt „Forum an der Plantage“. Es gibt bisher nur eine Idee von Schubert und eine ablehnende, hinhaltende Position seitens der Stiftung. Abgestimmt werden sollte durch die Bürger*innen dann, wenn etwas Konkretes vorliegt. Eine klare Ja-Nein-Frage. Ganz unabhängig vom Bürgerhaushalt.

    Übersicht über die TOP 20-Vorschläge des BüHH 2023/24

    Den aktuellen Bürgerhaushalt 2023/24 dominieren drei Themenkomplexe: Städtebauliche Fragen, ökologische Themen und der Komplex Kultur/Freizeit/Sport, der auch ein wichtiges Element von Lebensqualität darstellt.

    Interessant, dass es ein Votum pro (Nr. 39) und ein Votum kontra Stadtkanalausbau (Nr. 9) in die Endrunde geschafft haben. Und das Ergebnis ist recht ausgeglichen, ein Patt. Beide Vorschläge haben es nicht unter die TOP 20 zur weiteren Bearbeitung geschafft. Es ist scheinbar kein Herzensprojekt der Potsdamer*innen. Ganz anders der Erhalt des Staudenhofes. Ein klares Votum für Erhalt und Sanierung, neues Denken beim Bauen sowie für einen aktiven Beitrag zum Ressourcen- und Klimaschutz.

    Mehrere Vorschläge für mehr und besseren Radverkehr sind vorhanden. Voraussichtlich zwei davon werden es in die TOP 20 schaffen und somit durch das Stadtparlament weiter diskutiert werden. Neu ist, dass Energie, Heizung, Klimaschutz so direkt von den Bürger*innen angesprochen und auch erfolgreich votiert werden.

    Mehr dazu unter https://buergerbeteiligung.potsdam.de/node/13220/votierung

    Nachtrag: Beim Bürgerhaushalt 2020/21 beteiligten sich noch mehr als 17.500 Potsdamer*innen. Also deutlich mehr als diesmal. Auf Platz 1 mit 20.589 Punkten war „Kein städtisches Geld für den Wiederaufbau der Garnisonkirche“.

    (1) Stand 13.11. 20:00 Uhr. Ab dem 14. November 2022 erfolgt die finale Auszählung. Dabei werden doppelte Abstimmungen und nicht Berechtigte aussortiert. Am 23. November 2022 folgen dann die weiteren Punkte des Postwegs und der persönlichen Abstimmung.

    Ein Beitrag von Carsten Linke

  • Kaninchen, Schlange und Schlangenbeschwörer

    Morgen tagt das Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche. Und schon starren wieder Teile der Stadt wie die Kaninchen auf die Schlange, die Stiftung. Das Kuratorium wäre, um im Bilde zu bleiben, eine Gruppe von Schlangenbeschwörer*innen. Laut Wikipedia sind Schlangenbeschwörer „Alleinunterhalter, die vorgeben, Schlangen dressieren zu können. Sie nutzen einige Tricks, um den Anschein zu erwecken, die Schlange „tanze“ zu den Tönen ihres Musikinstruments.“ Wichtig zu wissen ist: Schlangen sind generell taub.  

    Morgen, am 02.11. soll die Wahl eines (einer?) neuen Vorsitzenden erfolgen. Hubers Nachfolge soll also geregelt werden. Es wird wohl Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO), werden. Die Kirche kann sich gar nicht leisten, noch einen Rückzug beim Wiederaufbauprojekt zu machen. Bei der Ausschreibung und Finanzierung der Pfarrstelle für die Nagelkreuzkapelle im Turmstumpf ist sie bereits deutlich auf Distanz gegangen. Mehr geht derzeit nicht. Für die Pfarrstelle der kleinen Kapelle (siehe Download 1 unten) hat sich trotz mehrfacher Ausschreibung bisher niemand gefunden.

    Morgen soll auch ein konkretisiertes Nutzungs- und Betriebskonzept für den Turm vorgestellt werden. Irgendwann in 2024 soll es ja losgehen mit der Touri-Attraktion Aussichtsturm. Bisher ging das Nutzungs- und Betriebskonzept weder inhaltlich noch finanziell auf. Die EKBO hat deshalb einen Finanzzuschuss von jährlich rund 500.000 T€ für die Jahre 2023 und 2024 zugesagt. Damit gab die EKBO den Kritiker*innen Recht, die auf die Defizite schon mehrfach hingewiesen haben (siehe Download 2). Mit Inbetriebnahme des Turm steigt das Defizit voraussichtlich auf 1 Mio. € jährlich an.

    Morgen soll auch über einen Antrag vom OBM Schubert abgestimmt werden. Er möchte sein „Haus der Demokratie“ ermöglichen. Angeblich muss dazu die Satzung der Stiftung geändert werden. Das sehen einige Menschen in der Stiftung, aber auch Projektgegner*inne anders. Der Bau der Garnisonkirche ist NICHT Stiftungszweck, sondern nur ein Mittel (von mehreren) zur Zweckerfüllung, der u.a. in der kirchlichen Arbeit liegt. Das kann mit der Kapelle erledigt werden. Für das Kirchenschiff war ohnehin nie eine kirchliche Nutzung vorgesehen. Auch nicht von „mitteschön!“. Die wollen ein Kulturhaus in Kirchenoptik. Stiftungsvertreter haben in jüngster Vergangenheit geäußert, dass sie die vom Rechtsgutachten als unerlässlich erachtete Satzungsänderung kritisch sehen, da ihnen an der Idee des Demokratieforums „noch zu wenig Fleisch sei“, um sich auf eine Streichung des Kirchenschiffs aus der Satzung einlassen zu können.

    Zweifel am Rechtsgutachten des Berliner Anwaltsbüros Dorn, Krämer & Partner GbR gibt es übrigens auch von einigen Stadtverordneten. (Mehr dazu im Download 3)

    Es ist also anzunehmen, dass morgen nichts in der Hauptsache entschieden wird! Das Kuratorium wird sich wohl im 1. Quartal 2023 wieder zusammenfinden. Bis dato windet sich die Schlange weiter. Dass damit auch keine Perspektive für das Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum entsteht, wird billigend in Kauf genommen. Die Menschen im RZ werden weiter als Geisel der Interessendurchsetzung genutzt.

    Der Bauantrag für eine Verlängerung der temporären Nutzung des RZ – maximal bis 31.01.2025 – ist gestellt. Es braucht die Zustimmung des GK-Kuratoriums. Auf der letzten Beiratssitzung des RZ machte Eschenburg jedoch klar, es werde am 02.11. auch keine Zusage des Kuratoriums für eine Nutzungsverlängerung des RZ geben. Hintergrund: Bisher liegt die Brandschutzabnahme des Turms noch nicht vor. Eine Zustimmung der Stiftung zur RZ-Verlängerung gibt es erst, wenn der Nutzung des GK-Turms im Januar 2024 nichts im Wege steht.

    Wieso der OBM Schubert als einer der Schlangenbeschwörer immer noch glaubt, die taube Schlange würde seiner Melodie folgen, bleibt ein Rätsel.

    Download „Ausschreibung Pfarrstelle“

    Download „Millionengrab Garnisonkirche“

    Download „Zweifel am Rechtsgutachten“

    Download Gutachten

    OWCL

  • Mitteschön – Nabel der Welt?

    Am 19.10.2022 hat Mitteschön ein Papier der Öffentlichkeit präsentiert. Schon der kurze Titel des Ideenpapiers strotzt vor Irritationen. „Programm Europakirche – Ideenpapier zur Vollendung des Gesamtkunstwerkes Garnisonkirche Potsdam“

    Beim Wideraufbau der Garnisonkirche handelt es sich um eine Kopie, eine Reproduktion oder wenn schon in Kunstkategorien gedacht wird: ein Plagiat oder Kitsch. Des Weiteren wird ein Ideenpapier für ein Multifunktionssaal vorgestellt, in dem keine Gottesdienste stattfinden werden, da diese in der kleinen Kapelle im Turm stattfinden. Somit ist an der Begrifflichkeit „Europakirche“ nicht eine Nutzung, sondern nur die übersteigerte Wunschvorstellung, gar der Pathos und Grad der Verblendung einiger Bürger*innen ablesbar. Woher kommt dieser (wiederholte) Herrschaftsanspruch, dass diese Einrichtung nun die „Europakirche“ sein soll. Soll Europa am deutschen Wesen, preußischer Prägung genesen? Geht es nicht noch größer? Warum nicht gleich „Nabel der Welt“?

    Der Drang nach großen Namen und Begrifflichkeiten passt zum Projekt und der Stiftung Garnisonkirche und ihrer konservativen Fördergesellschaft. Auch sie laben sich gern in großen Worthülsen.

    Was konkret schlägt Mitteschön vor? Eine Multifunktionssaal mit bis zu 2000 Plätzen in Form des ehemaligen Kirchenschiffes. Mangelt es uns wirklich an Sälen und übergroßen, hochsubventionierten Konzert- und Veranstaltungsräumen in der Stadt? Nein.

    Die sogenannte „Europakirche“ wäre nach Umsetzung des Mitteschön-Vorschlags dann ein bauliches Sammelsurium aus Kapelle, einem darüber liegenden Ausstellungsbereich, der Aussichtsplattform, einem Glockenspiel und dem gigantischen Multifunktionssaal. Das hat mit der ehemaligen Garnisonkirche wenig zu tun. Das hat nichts mit Kirche und christlicher Kirchenarbeit zu tun, sondern nur mit einem hegemonialen Blendwerk, der Bauhülle. Und um solche Nutzungen zu errichten, hätte nicht diese hässliche, pseudobarocke und überteuerte Hülle errichtet werden müssen. Das kommt dabei raus, wenn nicht der Inhalt die Architektur und Baustoffe bestimmt, sondern in eine unpraktische, historisch anmutende Hülle zwanghaft eine neue Nutzung presst werden soll.

    Übrigens, den schönsten Ausblick über die Stadt hat man vom der Aussichtsplattform im Turm der Heilig-Geist-Kirchen-Attrappe. Die Stadt am Wasser ist von dort viel intensiver erlebbar, als an der lauten Breiten Straße. Auch sehr schön: der Blick von Belvedere auf dem Pfingstberg.

    Das Mitteschön keinen Vorschlag zur Finanzierung des Saales macht, verwundert bei einer geschätzten Summe von über 100 Mio. Euro nicht. Der Turm ist abschreckendes Beispiel genug. So richtig spenden will für das Projekt keiner. Es bleibt somit wieder nur der Ruf nach der öffentlichen Hand. Zu den Betriebskosten eines solchen Multifunktionssaals äußern sich die „Bürger für die Mitte“ auch nicht. Der gigantische Hohlkörper, den ein solcher mehrstöckiger offener Saal darstellt, ist heiztechnisch eine Katastrophe. Für ihn müsste sogar ein anders Gebäude abgerissen werden. Von Nachhaltigkeit keine Spur.

    Liebe Mitteschöner, macht bitte noch mehr solcher Vorschläge, damit noch mehr Menschen klar wird, dass es sich bei dem „Wiederaufbauprojekt GK“ um ein elitäres Luftschloss einiger Menschen handelt. Eine Minderheit, die nicht in der Lage ist, das Projekt ernsthaft umzusetzen, aber erwartet, dass die Gesellschaft es ihnen hinstellt. Nur um sich wohler zu fühlen, nur weil das Ding angeblich „schön“ ist? Soviel Kleingeist und Egoismus darf nicht der Nabel der Welt sein.

    OWCL

  • RZ 4 ever – die Chance besteht!

    Gute Nachricht für das Potsdamer Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum an der Plantage! Es kann bleiben. Bis Anfang 2025 kann es genutzt werden ohne dass der Bebauungsplan geändert werden muss. In der Zeit kann eine Koalition der Willigen die notwendige B-Plan-Änderung vornehmen und die Zukunft des RZ langfristig sichern.

    Im Hauptausschuss am 12.10.22 wurde seitens der Stadtverwaltung klargestellt, dass alle Auflagen, die bei der ersten Verlängerung der geduldeten Nutzung als Kreativhaus von der Bauaufsicht gemacht wurden, erfüllt sind. Für Brandschutzmaßnahmen und Verbesserung bei Belichtung und Belüftung stellte die Stadt fast 1 Mio. Euro zur Verfügung. Da diese Maßnahmen größtenteils umgesetzt sind, steht der Verlängerung baupolizeilich nichts mehr im Wege.

    Nun kommt es lediglich auf den politischen Willen der Stadtverordnetenversammlung an. Die Rathauskooperation (RaKo) könnte beweisen, dass sie wirklich kooperieren. Die Mehrheit und die Unterstützung der aNDEREN, der Partei und vielleicht auch der Scharfenberg-Fraktion hätte die RaKo, wenn es darum geht, das RZ vollständig planerisch zu sichern. Es bedarf nicht vieler Änderungen zum B-Plan Nr. 1 von 1990. Zahlreiche Änderungen gab es ja schon in den Jahren 2004-2021.

    Unter anderem müsste der Erhalt des Kunst- und Kreativhauses Rechenzentrum integriert sowie das Ziel „Aufbau der Garnisonkirche“ gestrichen (oder als Kompromiss auf den Turm reduziert werden). Es geht im Kern um den Verzicht auf den Bau des Kirchenschiffes als Planziel und die Umwidmung der Flächennutzung. Der Verzicht auf den Bau des Kirchenschiffes ist genau das, was der Stiftung Garnisonkirche abgerungen werden soll, indem diese ihr Stiftungsziel modifiziert. Dies ist aber rechtlich problematisch, vielleicht gar nicht möglich. Am 2. November will Oberbürgermeister Mike Schubert eine Tendenzabstimmung im Stiftungskuratorium veranlassen. Wozu diesen komplizierten und unverbindliche Weg wählen?[1] Die Stadt hat alle Möglichkeiten der Entscheidung selbst in der Hand. Sie muss nicht wie das Kaninchen auf die Schlange, in diesem Fall die Stiftung Garnisonkirche, starren.

    Dazu müsste die SPD endlich mal einheitlich handeln und klar Position beziehen. OBM Schubert inszeniert sich öffentlich gern als RZ-Versteher. Die SPD-Fraktion hingegen weniger. Bisher ziehen Heuer und Schubert nicht am gleichen Strang. Wegewitz und Zalfen, die Fraktionsvorsitzenden, verhalten sich ebenfalls ambivalent. Der OBM hat scheinbar wenig Einfluss auf „seine“ SPD-Fraktion. Dies war anders, als Schubert noch Fraktionsvorsitzender war. Er hat damals dafür gesorgt, dass es keine wirklichen Beschlüsse zu Gunsten des RZ, oder gegen den Wideraufbau der Garnisonkirche gibt. Auch eine Befragung der BürgerInnen zu dieser Streitfrage hat er erfolgreich verhindert. In jüngster Zeit erweckt er den Eindruck, er sei für den Erhalt des RZ. Allerdings recht unglaubwürdig. Den mit seinem Vorschlag für ein „Haus der Demokratie“ schaufelt er das Grab für das RZ. Ein Teilabriss zu Gunsten des „HdD“ bedeutet, dass der Rest des Hauses nicht rentabel saniert und betrieben werden kann.

    Für eine Zukunft des RZ müssten sich auch die Grünen mal bewegen. Speziell der Kreisverband ist gefragt. Bisher agiert die im Gestern verwurzelte Fraktionsspitze in der SVV (Hüneke und Zöller) wenig im Sinne grüner Politik und Werte. So unser Eindruck. Offenheit, Pluralismus, Gemeinwohl, Zukunftsorientierung, Klimaschutz, Nachhaltigkeit… Nichts davon kann mit dem Abriss des RZ und dem Aufbau eines Kirchenschiffes erreicht werden. Die Vernichtung von baulichen Ressourcen, vorhanden Möglichkeiten, Synergien und Freiräumen kann keine grün-bürgerbewegte Politik sein.[2] Es sollten endlich mal die Prioritäten und Machtverhältnisse bei den Potsdamer Grünen geklärt werden, denn von einem stringenten Handeln in Sachen RZ sind auch die Bündnisgrünen weit entfernt.

    Das der rechtskonservative Block von AfD, CDU, FDP und Bürgerbündnis in der SVV nicht für eine B-Plan-Änderung zu Gunsten des langfristigen RZ-Erhalts stimmen wird, sollte allen klar sein. Deshalb liegt die Chance der Gestaltung alleinig bei der RaKo. Sollten diese sich nicht zu einem einheitlichen Handeln und Änderungsbeschluss durchringen, trägt sie auch für die Verantwortung für den Abriss des RZ. Niemand anderes!


    [1] Zur Erinnerung: Das Rechtsgutachten, welches die Stadt beauftragt hatte, stellt klar, dass die Stiftung keinen Anspruch auf Abriss des Rechenzentrums hat, da ein konkretes, bauplanerisch fertiges und ausfinanziertes Bauvorhaben fehlt. So wird es auch in absehbarer Zeit bleiben, da die Stiftung nicht mal in der Lage ist, den Turm ohne weitere Subventionen der öffentlichen Hand fertig zu stellen.

    [2] Der (Teil-)Abriss des Rechenzentrums ist gesellschaftlich und aus Gründen der Nachhaltigkeit nicht vertretbar. Gegenüber einer offensichtlich unrealistischen Alternative stehen die erfolgreiche Praxis eines voll vermieteten soziokreativen Zentrums mit großer Gemeinwesen-Wirkung und die ökologische Verantwortung für den Bestand. Das Rechenzentrum, dessen Betrieb sich ausschließlich aus den Mieteinnahmen finanziert, steht dem hoch- und quersubventionierten Projekt KreativQuartier eines Investmentfonds mit ungewisser Zukunft gegenüber.

    OWCL

  • Retro – Stadtbilder und ihre Netzwerke in Berlin und Potsdam

    Seit Tagen ist der Skandal um die geplante Bebauung des Molkenmarktes in der Mitte Berlins in aller Munde. Ein Wettbewerb endete damit, dass niemand gewonnen hat. Zu mindestens in den Augen der Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt und des Stadtentwicklungssenators Andreas Geisel.

    Damit wird gerade ein Streit, ein Konflikt öffentlich, der im Grunde seit vielen Jahren und immer mehr Städten in Deutschland ausgetragen wird – auch in Potsdam.

    Vordergründig geht es um Architektur. Wie und was bauen wir in unseren Innenstädten? Nach historischen Vorbildern, teuer und aufwendig mit privaten Investoren und entsprechend der jeweils bevorzugten politisch – kulturellen Tradition oder vielfältig, gegensätzlich, bezahlbar und entsprechend der jeweils notwendigen – auch sozialen, ökologischen Nutzung?

    Der Molkenmarkt in Berlin gilt als Ursprung der Stadt Berlin und war der älteste Markt in der Stadt.
    Die „Wiedergewinnung“ dieser Mitte gilt in Berlin als prägendes Projekt und ist dementsprechend seit vielen Jahren stark umstritten bei den verschiedenen Akteur*innen von Stadtpolitik, Stadtplanung und Architekt*innen – vergl.: https://molkenmarkt.berlin.de/
    Nach dem 2016 beschlossenen Bebauungsplan gab es ein städtebaulichen Qualifizierungsverfahren und einen Wettbewerb. Dabei wurden von zwei Architekturbüros wie erwartet zwei völlig gegensätzliche Entwürfe präsentiert. Einer stammt aus dem Architekturbüro des in diesem Jahr verstorbenen Bernd Albers – ein Name, den wir uns merken sollten. Er favorisiert eine historisierende Stadtentwicklung, verbunden mit der Privatisierung der Grundstücke.
    Bei dem anderen Entwurf sollten die Grundstücke beim Land Berlin bzw. landeseigenen Gesellschaften verbleiben, die dort vor allem eine Bebauung nach sozialen und ökologischen Kriterien umsetzen sollten.
    Im Grunde stecken dahinter auch zwei ganz unterschiedliche Konzepte von Stadtentwicklung, über die politisch, in der Fachwelt und Wissenschaft mal hinter den Kulissen, mal öffentlich seit Jahren heftig gestritten wird. Es geht um nichts geringeres als die Frage: Wem gehört die Stadt? Für wen bauen wir welche Stadt? Funktioniert eine Stadt für alle?

    Hier in der Nachbarstadt Potsdam sind die Debatten ähnlich, vielleicht sogar noch klarer und radikaler.

    Nach einem Uraltbeschluss der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung aus dem Jahr 1990 soll in der Stadtmitte eine „Wiederannäherung an das charakteristische, historisch gewachsene Stadtbild“ gelingen.

    Seitdem wird dort aber komplett umgebaut, abgerissen und neu gebaut. Symbolisch steht dafür sicher die Fachhochschule aus DDR – Zeiten direkt neben der Nikolaikirche, um die ein erbitterter Kampf geführt wurde – und die allem Widerstand und Protest zum Trotz schließlich doch abgerissen wurde.
    Am Alten Markt, an der Alten Fahrt entsteht seitdem die neue, alte Mitte nach barockem Vorbild aus der Zeit der preußischen Könige. Und: um dies allen Leser*innen klar zu machen: Hier wird nichts saniert, hier werden keine „Wunden geheilt“ aus einer Zeit, als kein Geld in die Sanierung von Altstädten gesteckt wurde und dort alles dem Verfall preisgegeben war.
    Hier wurde abgerissen und komplett neu – und nach historischen Vorbild – gebaut: Das Stadtschloss, das Museum Barberini, die Häuser an Alten Fahrt – alles Kopien aus alter Zeit, neu gebaut mit Sandsteinimitaten.

    Aktuell werden die sogenannten „Blöcke“ am Alten Markt am Standort der ehemaligen Fachhochschule neu gebaut, für die letzten Lose zum Block IV laufen gerade die Ausschreibungsverfahren. Grundlage aller Ausschreibungen und Gestaltungsentwürfe ist das „Integrierte Leitbautenkonzept“ aus dem Jahr 2010. Dazu heißt es auf der Seite des Trägers: „Mit dem Leitbautenkonzept werden, orientiert am historischen Vorbild, die städtebauliche Struktur und die architektonische Anmutung des Quartiers wieder erlebbar. Stadtbildprägende Bauten (die Eckgebäude) sollen ihre historische Fassade („Leitfassade“) erhalten oder durch „architektonische Zitate“ einen Eindruck des einstigen Erscheinungsbildes vermitteln (besondere Gestaltungsleitlinien). Die weitere Bebauung soll in zeitgenössischer Architektursprache entstehen, sich aber den historischen Dimensionen anpassen.“ vergl.: https://www.potsdamermitte.de/

    Eine Potsdamer Besonderheit ist, dass mit der ProPotsdam eine kommunale Gesellschaft als Sanierungsträger eingesetzt ist, die mit dem Verkauf der einzelnen Grundstücke die Stadtmitte quasi privatisiert. Auf Grund des Widerstandes aus der Stadtgesellschaft vor allem gegen den Abriss der Fachhochschule wurde in den Ausschreibungen für die einzelnen Lose an bestimmten Standorten auch Angebote mit gefördertem und/oder mietpreisgebundenem Wohnraum priorisiert. Hier kamen auch Genossenschaften zum Zug – auf deren Probleme gehen wir unten noch einmal ein.

    Auch in Potsdam ist dies Teil einer grundsätzlichen Debatte. Zwischen den Konzepten eines barocken Wiederaufbaus der Mitte nach historischem Vorbild – umgesetzt von privaten Investoren und unterstützt von teuren Architektenbüros und der Idee einer vielfältigen Stadtmitte für alle mit unterschiedlichen architektonischen Geschichten, kulturellen Freiräumen und bezahlbaren Wohnungen liegen Welten.

    Aber: Was nur wenige wissen, viele der Protagonist*innen dieser Debatte in Berlin und Potsdam sind die Gleichen – zumindest auf der einen Seite.

    Petra Kahlfeldt, Bernd Albers, Benedikt Goebel und Tobias Nöfel – um nur vier der ganz wichtigen Akteure zu nennen – sind schon lange Teil eines großen Netzwerkes für eine sogenannte „Kritische Rekonstruktion“, eine historisierende Stadtentwicklung in Berlin, haben die aktuelle Entwicklung am Molkenmarkt entscheidend mit getragen und beeinflusst.
    Und gleichzeitig sind sie schon lange auch in Potsdam aktiv – auf der gleichen Seite, mit den gleichen Motiven.

    Deshalb lohnt sich ein Blick auf die Vita und die Rollen dieser wichtigen Akteure in beiden Städten.

    Als Petra Kahlfeldt im letzten Jahr – ziemlich überraschend – zur neuen Senatsbaudirektorin ernannt wurde, gab es ein recht lautes mediales Echo.

    In der Onlinezeitschrift urbanophil wird das so kommentiert:
    „Petra Kahlfeldt hat in den letzten gut 30 Jahren gemeinsam mit Paul Kahlfeldt deutschlandweit eine große Anzahl von Villen, luxuriösen Wohnhäusern und hochwertigen Gewerbebauten realisiert sowie historische Bauten saniert. Zudem war sie Teil der Kommissionen zum Bau des Berliner Humboldtforums, zum Wiederaufbau der Altstadt Frankfurts als “Dom-Römer-Quartier” oder zur Potsdamer Mitte rund um den Alten Markt. In den 1990er Jahren gehörte sie der Entourage von Hans Stimmann an, der mit seiner Interpretation der “Kritischen Rekonstrution” von Stadt ein rigides, auf ein “steinernes Berlin” zielendes Stadtbild durchgesetzt hat.Es ist nun nicht nur zu befürchten, dass Rekonstruktionsdebatten in Berlin wieder aufleben, Architektur vor allem unter einseitigen ästhetischen Gesichtspunkten verhandelt werden wird und Berlin architektonisch und stadtentwicklungspolitisch endgültig in der Provinzialität landet. Vielmehr noch stellt sich die Frage, wie Petra Kahlfeldt die drängenden Fragen bzgl. der ausufernden Mieten und der Klimaziele lösen möchte. Was sie bislang gemacht hat, ging komplett und haargenau in die andere Richtung, ja ist vielleicht sogar Teil der heutigen Probleme.“https://urbanophil.net/stadtentwicklung-stadtpolitik/berlin-im-rueckwartsgang-petra-kahlfeldt-wird-neue-senatsbaudirektorin/

    Die Berliner Geschichte als Teil eines Netzwerkes für eine Rekonstruktion bzw. historisierende Stadtentwicklung manifestiert sich auch und vor allem im überregional aktiven Architekten- und Ingenieurvereins (AIV) zu Berlin, deren Kuratoriumsmitglied sie 2008 wurde und wo sich das „Who ist who“ eben jener Stadtplaner und Architekten versammelte, die eine solche Stadtentwicklung durchsetzen wollte. 2022 hat der AIV ein Buch seines Urvaters Hans Stimmann präsentiert, in der seine Thesen von Stadtentwicklung noch einmal formuliert und begründet wurden. „In den versammelten Schriften setzt er sich unverdrossen für das Leitbild der Europäischen Stadt ein, tritt vehement ein für die Rekonstruktion des historischen Stadtgrundrisses in der Berliner Mitte und erneuert sein Plädoyer für einen Städtebau, der parzelliert und eigentumsbezogen sein soll.“ fasst selbst die Morgenpost zutreffend zusammen. – https://www.morgenpost.de/berlin/article234767475/Hans-Stimmann-Ansichten-eines-Geschmacksdiktators.html

    Auch in Potsdam ist Petra Kahlfeldt schon längere Zeit aktiv.

    Fünf Jahre – von 2017 – 2021 war sie Mitglied im Gestaltungsrat der Stadt Potsdam und hat in dieser Zeit wichtige Gestaltungskonflikte – vor allem um die Potsdamer Mitte erlebt und Einfluss darauf genommen – https://www.potsdam.de/mitglieder

    Wie schon oben erfahren, war und ist Frau Kahlfeldt Mitglied in diversen Kommissionen, Wettbewerbsverfahren und bei Ausschreibungen, unter anderem zur Potsdamer Mitte am Alten Markt (Block III und Block IV), der Entwicklung des Quartiers Potsdam – Rote Kaserne, zum Kreativquartier Langer Stall. Fast schon logisch, dass sie auch Mitglied des Fachgremiums zur Rekonstruktion der Garnisonskirche in Potsdam ist.

    Man kann also sagen, bei fast allen städtebaulichen Konflikten in dieser Stadt hat Petra Kahlfeldt mitentschieden.
    Die vielen Kontakte scheinen ihr auch geholfen haben, an lukrative Aufträge für ihr eigenes Architekturbüro https://www.kahlfeldt-architekten.de/ zu kommen. Die Liste der Projekte in Potsdam umfasst unter anderem: Wohnhäuser in Bornstedt in der Georg – Herrmann – Allee. Wer sich mal die Auflistung der Fotos ihrer Wohnbauten anschaut, bekommt sehr leicht eine Vorstellung davon, was Frau Kahlfeldt gerne baut.

    Einer derjenigen, welche dann in der Potsdamer Mitte als Architekten zum Zuge kamen ist oder besser war Bernd Albers mit seinem Architekturbüro BERND ALBERS Gesellschaft von Architekten mbH – https://www.berndalbers.com/.

    Die Zahl seiner Projekte in Potsdam ist noch viel größer als bei Petra Kahlfeldt. Dazu gehören unter anderem: Die Wohnhäuser oder besser Eigentumswohnungen in der Georg – Herrmann – Allee – gemeinsam mit den Kahlfeldt – Architekten. In der neuen, alten Potsdamer Mitte hat er in der Erika-Wolf-Straße 3 – ehemals Schwertfegerstraße 13 gebaut und natürlich vor allem das Museum Baberini eben dort. Auch Bernd Albers kann am Besten Luxuswohnen. „Neue Liebe“ heißen die Villen in Bornstedt: https://neue-liebe-potsdam.de/ und es bedarf keines Kommentars, um zu wissen, wer hier was für wen baut.

    Aber und das ist wichtig: Bernd Albers ist eben nicht einfach ein privater Architekt.
    Bernd Albers gehört zum oben beschriebenen Netzwerk historisierender Stadtentwicklung in Berlin und anderswo. Er war Gewinner diverser Wettbewerbe des AIV und – wie oben schon benannt, einer der „Gewinner“ des Wettbewerbs um die Neugestaltung des Molkenmarktes in Berlin. Im Nachruf von Baunetz heißt es unter anderem: „So baute Albers beispielsweise an der Neuen Altstadt in Frankfurt am Main mit, war in das Projekt „Unvollendete Metropole“ des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg involviert und engagierte sich in der „Planungsgruppe Stadtkern“, zu der unter anderem auch die amtierende Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt gehört, für eine „Wiedergewinnung der Berliner Mitte.“ https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Zum_Tod_von_Bernd_Albers_7909707.html

    Und in Potsdam war Bernd Albers Professor der Fachhochschule Potsdam, seit 2005 sogar Dekan des Fachbereichs Architektur und Städtebau. Natürlich hat es sich in dieser Funktion auch klar zur Entwicklung in der Stadtmitte von Potsdam positioniert.
    Zum Konflikt um die Fachhochschule hat er das so ausgedrückt: „Ihre Begeisterung für das Hässliche und ihr Beharren auf ästhetische Brüche bleiben rätselhaft.“ – und gemeinsam mit anderen Professor*innen der Branche: „Die Beseitigung der für diesen Ort völlig überdimensionierten und architektonisch wenig qualitätsvollen Fachhochschule und die Rekonstruktion einiger historischer Leitbauten und Ergänzung durch mehrheitlich neue Stadthäuser mit hohem Wohnanteil ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.“ https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/fh-professoren-fur-abriss-des-hasslichen-7190338.html

    Bei so einem Anliegen ist auch Benedikt Goebel nicht weit. Auch er sitzt im Vorstand der AIV und ist seit 2011 Sprecher der „Planungsgruppe Stadtkern“ – einem Forum, was nach den Zeiten von Stimmann seinen Rekunstruktionskurs weiterführt und auch mit der SPD gut vernetzt ist – https://planungsgruppe-stadtkern.de/planungsgruppe-stadtkern/ Deren Ziel: Eine kleinteilige Parzellierung und teilweise Privatisierung der Grundstücke am Molkenmarkt – inzwischen auch an anderen Standorten in der Berliner Mitte. Es wundert überhaupt nicht, dass in der neuen erst im Juli 2022 gegründeten „Stiftung Mitte Berlin – Für das Herz der Stadt“ Benedikt Goebel stellvertretender Vorsitzender der Stiftung geworden ist.
    In Potsdam hat er gemeinsam mit den AIV diverse Vortragsreihen und Wettbewerbsverfahren von und für Student*innen vor allem der Fachhochschule Potsdam organisiert. Vor allem das Projekt „Unvollendete Metropole“http://unvollendete-metropole.de/ spiegelt die Grundideen der beschriebenen Akteure gut wieder. Sie orientiert sich am Groß – Berlin der 20 ` er Jahre und impliziert eine unvollendete Entwicklung in den Raum, der heute zu Brandenburg gehört – einschließlich Potsdam. Benedikt Goebel ist dort Geschäftsführer – gemeinsam mit Tobias Nöfer, den wir unten noch kennenlernen werden.
    Der städtebauliche Wettbewerb Berlin – Brandenburg 2070 beschreibt dies ganz gut: „Mit Blick auf das Jubiläum 100 Jahre (Groß-) Berlin hat der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg e.V. in Partnerschaft mit anderen zivilgesellschaftlichen Initiativen im Jahr 2019 einen offenen, zweiphasigen „Internationalen Städtebaulichen Ideenwettbewerb Berlin-Brandenburg 2070“ ausgelobt. Gesucht werden städtebauliche Visionen für die Zukunft der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg, die sich unter anderem mit dem Leitbild des „Siedlungssterns“ der Gemeinsamen Landesplanung städtebaulich auseinandersetzen. Ziel des Ideenwettbewerbs ist nicht eine völlig andere, neue Großstadtregion, sondern – anknüpfend an Besonderheiten, Stärken und Schwächen – die nachhaltige Weiterentwicklung der überkommenen städtebaulichen Potenziale und die Überwindung vorhandener Schwächen.“https://unvollendete-metropole.de/wettbewerb-berlin-brandenburg-2070/
    Aufschlussreich ist auch die Liste der Förderer: Deutsche Wohnen, Accentro Real Estate, Trockland, TLG oder Engel & Völkers.

    Kommen wir zu Tobias Nöfer. Er ist Architekt, Vorsitzender des AIV zu Berlin-Brandenburg e.V. und er hat viele weitere Funktionen, die ihn auch mit Potsdam verbinden. Wie eben beschrieben ist er auch Geschäftsführer der Berlin 2070 gGmbH – welche das Projekt „Unvollendete Metropole“ organisiert, eigentlich aber eine Untergesellschaft des AIV ist.
    Der AIV wiederum arbeitet seit Jahren intensiv mit der Fachhochschule Potsdam zusammen. Dort war Bernd Albers ja lange Jahre Dekan des Fachbereichs Architektur und Städtebau. Seit Herbst letzten Jahres hat Tobias Nöfer als Vorsitzender des AIV diese Kooperation noch einmal vertieft. Nun gibt es einen offiziellen Kooperationsvertrag zum Thema „Zukunft der Metropolregion Berlin-Brandenburg“. Im Rahmen dieses Vertrages wird eine Vorlesungsreihe zum Projekt „Unvollendete Metropole“ organisiert und die Ausstellung dazu gezeigt. In Berichten zu dieser Kooperation wird klar, was das primäre Ziel dieser Kooperation ist: „ Als Verein steht der AIV für die Werte der europäischen Stadt. Seine wichtigste Aufgabe sieht er darin, Stellung zu aktuellen Planungen und Bauten in Berlin und Brandenburg zu beziehen. Er nimmt damit Einfluss auf die Entwicklungen in wichtigen Bereichen der Metropolregion.“ – und: „Tobias Nöfer, AIV-Vorsitzender: „Eine unserer zentralen Aktionen aktuell ist das Projekt ´Unvollendete Metropole´, das wir gemeinsam mit Partnern realisiert haben. Es ist ein Beitrag zur wichtigen Diskussion über die Zukunft der Metropolregion Berlin-Brandenburg. Dieses Thema jetzt durch die Kooperation den Studierenden nahe zu bringen, ist uns eine Herzensangelegenheit, da genau diese Generation unsere Metropolregion prägen wird.“https://www.lifepr.de/inaktiv/architekten-und-ingenieur-verein-zu-berlin-ev/AIV-Kooperation-mit-FH-Potsdam-zum-Thema-Metropolregion-Berlin-Brandenburg/boxid/873742
    Bewusst oder unbewusst wird hier klar, was das eigentliche Ziel dieser intensiven Kooperation mit einer Fachhochschule in Potsdam ist: Eine Generation junger Absolvent*innen im Sinne der „Europäischen Stadt“ , von Rekonstruktion und historisierender Stadtentwicklung auszubilden.
    Mit dabei ist hier übrigens auch Markus Tubbesing, Professor für Entwurf und Denkmalpflege an der FH Potsdam, der ebenfalls zum Netzwerk gehört.

    Auch Tobias Nöfer profitiert in Potsdam offensichtlich von der Stadtentwicklung, welche er entscheidend mitprägt. Hier ist eine unvollständige Liste seiner Auftragsarbeiten als Architekt:

    Brockesches Palais: https://www.aiv-berlin-brandenburg.de/aiv-auf-dem-bau-brockessches-palais-potsdam-sp-150020454/

    https://www.noefer.de/de/projekte/wohnhaeuser-berliner-vorstadt-potsdam/

    Die bisher behandelte Liste ist natürlich nicht vollständig.
    So gehört zum Netzwerk auch Willo Göpel, Historiker, Journalist und Projektentwickler, der selbst in Potsdam wohnt und als Vorsitzender des „Bauvereins Potsdamer Stadtkanal 1772“ den aktuellen Oberbürgermeister davon überzeugt hat, dass es für Potsdam von prioritärer Bedeutung ist, den alten Stadtkanal original wieder aufzubauen – https://www.maz-online.de/lokales/potsdam/das-sagt-der-chef-des-bauvereins-zu-schuberts-stadtkanal-vorstoss-HHA4Y2ZOGKNHP7TSI56AILY2JU.html

    Ein erstes Fazit.

    Wir haben zu diesem beschriebenen Netzwerk auch mit Menschen gesprochen, die sich seit vielen Jahren damit auseinandersetzen, weil sie die Folgen dieser Stadtpolitik sehen und benennen können. Viele von ihnen haben den Aufruf des Bündnisses Molkenmarkt in Berlin unterschrieben: http://berlin-plattform.de/29-9-2022-ein-breites-buendnis-fordert-ein-soziales-und-oekologisches-modellquartier-am-molkenmarkt-und-ein-klares-siegerteam-aus-dem-werkstattverfahren/
    Sie haben die Verbindungen zwischen Berlin und Potsdam offengelegt und uns zu dieser Recherche veranlasst. Dabei haben wir gesehen, was in Berlin an anderen Stellen längst Realität ist:„… zeigt (das) der Werdersche Markt in Mitte. Anfang der 2000er Jahre wurden dort Grundstücke zum Schnäppchenpreis an Private vergeben, auf denen dann schmale sogenannte Townhouses gebaut wurden. Architektin Burghardt schätzt die damaligen Gesamtkosten auf rund 800 000 Euro pro Einheit. Zehn Jahre später wurden die ersten Häuser für 8 Millionen Euro verkauft. Derzeit ist eines für 11 Millionen Euro im Angebot, ein anderes wird für 13 900 Euro monatliche Kaltmiete inseriert.“https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167355.bauen-stadtentwicklung-nach-gutsherrenart.html
    In Potsdam zeigt sich das zum Beispiel an der Alten Fahrt, wo selbst der Geschäftsführer des Immobilienkonzerns Kondor Wessels Berlin GmbH als unverdächtiger Kronzeuge resümiert: „Kondor Wessels hat auch das Humboldtquartier zwischen Landtag und Alter Fahrt errichtet. Würden Sie das heute noch einmal bauen? – Nein. Nicht mit unserem heutigen Wissenstand und wie es wirtschaftlich gelaufen ist. Wir kamen mit einem blauen Auge davon. Wir haben an der Humboldtstraße zu dem Zeitpunkt die nach Quadratmeterpreisen angeblich teuersten Wohnungen der Stadt gebaut, aber trotzdem nur Geld gewechselt. Das sage ich so offen: Die Wohnungen mussten zu den Preisen verkauft werden, damit wir überhaupt kostendeckend arbeiten konnten. Der Aufwand für die Spezialtiefbau- und Wasserhaltungsarbeiten für die Tiefgarage war immens und hinzu kamen die nachgebildeten Barockfassaden, die alleine fast 20 Prozent der Investitionskosten ausmachten.“ https://www.maz-online.de/lokales/potsdam/bauunternehmer-mulder-mietendeckel-wird-spekulation-nicht-verhindern-UBDOGLCIKSSKMGSBTCFB4ULPMA.html
    Die Häuser, welche Kahlfeldt, Albers und Nöfer als Architekten gebaut haben sehen alle ähnlich aus: Teure Retrobauten aus alten Zeiten, energetisch und ökologisch fragwürdig und selten barrierefrei. Oder – wie es in den Kommentaren von Baunetz zu Petra Kahlfeldt formuliert wurde: „Da werden Pseudo-Säulchen mit Marmor verkleidet vor die Haustür der klassizistischen Retro-Villa gesetzt, die keine Funktion haben…auch ohne Stützen würde das Vordach halten.“ – https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Petra_Kahlfeldt_wird_Senatsbaudirektorin_7806174.html?backurl=https%3A%2F%2Fwww.baunetz.de%2Fmeldungen%2Findex.html&action=kommentieren
    Die Stadt, welche sie wieder haben wollen, ist für private Investoren und Wohlhabende. Tourist*innen sollen sich hier an ihrer Sicht auf Geschichte erfreuen, Freiräume für die Menschen in der Stadt gibt da kaum.

    In Potsdam haben sie es ganz offensichtlich geschafft, die Stadtpolitik von ihrer Idee der „Europäischen Stadt“, der „Kritischen Rekonstruktion“ zu überzeugen. Vielleicht wird es jetzt klarer, woher die Ideen und Konzepte kommen, die mit einer „Behutsamen Annäherung an das charakteristische, historisch gewachsene Stadtbild“ nur noch wenig zu tun haben. Das „Integrierte Leitbautenkonzept“ klingt fast genauso wie die Grundideen von AIV und Planwerk. Das aus der Fachhochschule Potsdam sogar Unterstützung kam, als diese die Stadtmitte verlassen musste, um nach Bornstedt zu ziehen wird jetzt richtig verständlich. Der Fachbereich für Architektur und Städtebau wird seit Jahren von den wichtigsten Akteuren dieses Netzwerkes geprägt und dominiert.
    Kahlfeldt, Albers und co. saßen in fast allen wichtigen Wettbewerbskommissionen, sie haben Stadtpolitik in ihrem Sinne beraten und kennen viele politisch Handelnde in dieser Stadt wie Saskia Hünecke persönlich – wie uns unsere Gesprächspartner*innen versicherten.
    Auch und gerade in Potsdam fällt auf, wie eng die Zugehörigkeit zu Wettbewerbskommissionen und die Erteilung von Aufträgen für Menschen aus diesem Netzwerk zusammenfallen. Sie haben zumindest gut davon profitiert.
    Nein, Potsdam ist kein gutes Beispiel für das, was in Berlin geplant ist. Alte Fahrt, Alter Markt und Alte Mitte sind teure Retroprojekte, steinerne und dementsprechend klimatologisch und ökologisch falsche Signale an den Städtebau im 21. Jahrhundert. Die postulierte Vielfalt bedeutet vor allem Privatisierung und die Genossenschaften, welche sich haben überreden lassen, dort zu bauen, werden wohl bald in der Kostenfalle sitzen.

    Jetzt in Berlin wollen sie wieder alle zusammen kommen und öffentlich zeigen, wie ihr Berlin, ihr Metropolraum (wo sie immer auch Potsdam mitdenken) aussehen soll.
    Beim „Mitte – Festival“ vom 19. – 22. Oktober 2022 möchte die Stiftung Mitte Berlin zeigen, wie ihre Mitte in Zukunft aussehen soll – https://stiftung-mitte-berlin.de/
    Benedikt Goebel führt durch das Programm, Tobias Nöfer moderiert und referiert, Petra Kahlfeldt stellt sich der Podiumsdiskussion, laut Prof. Dr. Markus Tubbesing „droht die Festschreibung der Suburbanisierung von Molkenmarkt“, Student*innen der Fachhochschule Potsdam werden mit ihren Arbeiten weiter massiv für dieses Retrostadtbild vereinnahmt.
    Hier darf dann auch noch Walter Momper ein wenig mitmachen, ihn kennen wir in Potsdam als „Projektentwickler“ des Luxusbauprojektes – der sogenannten „Havelwelle“ – https://www.subauftrag.com/havelwelle/
    Das komplette Programm dieses „Festivals“ historisierender Stadtentwicklung ist hier nachzulesen: https://stiftung-mitte-berlin.de/downloads/MITTE-FESTIVAL_2022_Programm_2022-10-04.pdf

    In Potsdam sind diese (Alb) Träume leider längst Realität.
    Das hier dargestellte Netzwerk hat daran leider einen erheblichen Anteil.

  • Garnisonkirche: Arsch mit Phallus

    Jetzt ist es raus. Die GarnisonkirchenbefürworterInnen reden endlich mal Klartext. Der Schauspieler Jörg Hartmann offenbart die wahren Absichten: „… ein alleine stehender Turm ist auch nicht gut. Da denkt man: Huch, was ist das für ein Phallus? Der braucht diesen Arsch des Kirchenschiffs, zumindest in den Grundformen. Damit es ästhetisch ausgewogen ist, macht das schon Sinn. Wie man das jetzt inhaltlich füllt, ist dann erst mal eine ganz andere Frage.“  Potsdam: Schauspieler und Garnisonkirchen-Befürworter Jörg Hartmann ist für Rechenzentrum-Abriss (maz-online.de)

    Arsch mit Phallus als Machtsymbol der Kirche und derer, die die Geschichte umdeuten wollen. Ein Kirchenschiff in der Form eines Arsches. Zwei Rundformen – tolle Idee. Ästhetisch ausgewogen. Sehr passend. Besser als ein Libeskind-Zacken. Womit der Arsch gefüllt wird „ist eine ganz andere Frage“. Bisher gibt es nur schlecht verdauliche Häppchen und Luftblasen die zu Verdauungsproblemen und Blähungen führen können.

    Die Entblößung des eigenen Gesäßes ist in manchen Kulturen eine Geste, um Protest, Hohn oder Geringschätzung auszudrücken. Auch Letzteres passt. Mit dem Arsch einreißen, was Generationen zuvor aufgebaut haben. Darum geht es. Die Revision der 70er Jahre soll durch eine neue Revision unkenntlich gemacht werden.

    Und die aktuellen Probleme zahlreicher MitbürgerInnen gehen den „Hartmännern“ auch am Arsch vorbei. Ihr könnt uns alle mal am Arsch lecken, mit eurem Gerede von Gentrifizierung, preiswerten Arbeits-, Kreativ- und Begegnungsräumen. Alles Ätschibätschi. Habt euch nicht so: da kommt doch was teures Neues nebenan hin. Im Gewand des Langen Stalls, voll kreativ für eine Stadt im 21. Jahrhundert.

    Dann bekommt auch die lapidare Behauptung, dass der Bund der Stiftung schon viele Millionen Euro in den Arsch gesteckt hat, eine ganz neue Bedeutung. Wir meinen, der Stiftung wurde auf Grund leerer Versprechungen jahrelang von allen Seiten Zucker in den Arsch geblasen. Schluss mit Bonbons! Alles öffentliche Geld war zwar bisher nur für den Penis, ganz im Sinne von „Wir haben den Größten“. Aber richtig geil wird es eben erst, wenn der Unterleib komplett ist. Jetzt verstehen wir auch die Behauptung, einige (Hart-)Männer denken nur mit ihrem Penis.

    Wenn der Arsch real wird, kann mensch da hineinkriechen. Wenn es gut gemacht wird, kann die ganze Scheiße der deutschen Geschichte dort erfahren werden. Wenn nicht, werden die KritikerInnen weiter behaupten, dass die Stiftung auf eine ernsthafte Geschichtsaufarbeitung scheißt. Auch der „Ruf aus Potsdam“ hat dann nicht nur eine geschichtsrevisionistische Bedeutung, sondern auch eine genitale. Ein verbales Zäpfchen, rektal anwendbar.

    Wenn der Arsch realisiert ist, werden BesucherInnen diskutieren, ob die beiden Rundformen am Phallus Arschbacken oder die Hoden sein sollen. Noch ist Zeit, die Kuppel des Turmes in einer passenden Rund- bzw. Eichelform auszugestalten. Das passt dann auch zur Geschichte des ursprünglichen Hauses. Eine Treffpunkt von Männern, die zur Sicherung der Macht zusammenkamen. Männer, Krieg und Kirche bildeten schon über viele Jahrhunderte eine Einheit.

    Mit der Realisierung des maskulinen Machtsymbols könnte das „Gebiet an der Plantage“ auch umbenannt werden. In Regio glutaea (Gesäßregion).

    OWCL

  • Jubel – und Wutdemo zum G 7 Treffen in Potsdam

    Heute haben rund 250 Menschen an einer Demonstration anlässlich des bevorstehenden G 7 Treffens der Bauminister*innen in Potsdam teilgenommen.
    Dabei wurde die Stadtpolitik hier in Potsdam und die völlig unverständlichen Themen dieses Gipfels spöttisch aufs Korn genommen – ausgerechnet in Potsdam über nachhaltige und inklusive Stadtentwicklung beraten zu wollen.

    Logisch, dass die stadtpolitischen Initiativen dazu gar nicht erst eingeladen sind. Mieter*inneninis, Freirauminitiativen und kritische Stadtpolitik passen wahrscheinlich nicht wirklich auf die Hochglanzfotos von total produktiven Arbeitsessen.

    Wobei – es scheint inzwischen durchaus fraglich, wer da alles die Einladung von Frau Geywitz annehmen wird. Aus gut unterrichteten Kreisen wissen wir, dass der kanadische Wohnungsminister nicht nach Potsdam kommen wird – wegen dem Tod der britischen Königin. Kommt dann der britische Bauminister? Findet das G 5 Treffen dann noch statt??

    Am Kulturzentrum Freiland und dem unsinnigen Megainvestorenprojekt auf dem RAW Gelände wurde aus der Jubeldemo eine Wutdemo!

    Ja, es reicht.
    Genug ist genug.
    In dieser dramatischen sozialen Krise muss Schluss sein mit der Abwälzung einer selbstverschuldeten Energie – und Wohnungskrise auf die Mieter*innen.

    Deshalb hier noch einmal die wichtigsten Forderungen der heutigen Demonstrationen:

    • Her mit dem Mietenstopp! Schluss mit der Abwälzung der Krisenkosten auf die Mieter*innen!
    • Abrisse stoppen! Den Staudenhof erhalten! – sonst ist alles Gerede von einer nachhaltigen Stadtentwicklung nur Heuchelei!
    • Stadt – und mietenpolitische Initiativen wirklich einbeziehen! Eine soziale und nachhaltige Stadt wächst nur von unten!

    Hier findet Ihr den Redebeitrag der EAP bei der Demo.

    Außerdem dokumentieren wir außerdem den Redebeitrag von Holger Zschoge/ Netzwerk „Stadt für alle“ bei der Jubeldemo:

    „In wenigen Tagen werden sich in Potsdam die Bauminister*innen der G 7 treffen.
    Oder – Wie sie es nennen: „Treffen der G7-Ministerinnen und -minister für nachhaltige Stadtentwicklung“.

    Das klingt verständlich und bringt die Stadtentwicklung in London, den USA oder Tokio genau auf den Punkt.

    Die Investitionen von Kleptokraten aus Osteuropa und der arabischen Welt in Luxus – und Anlageobjekte in London sind auf Dauer angelegt und bringen jedes Jahr neue Wertsteigerungen – das Kapital ist hier eindeutig nachhaltig angelegt.

    In den USA werden die Flächen weiter kontinuierlich mit Einfamilien – und Reihenhäusern versiegelt, genauso regelmäßig werden insolvente Eigentümer aus ihnen zwangsgeräumt – Kreislaufwirtschaft in Reinkultur.

    Und von Tokio können wir lernen, wie Menschen auch mit der kleinsten Wohnung ein zufriedenes Leben führen können – eine nachhaltige Stadtentwicklung wird nur funktionieren, wenn wir bereit sind, von unseren viel zu großen Bedürfnissen abzurücken.

    Auf der Liste der Themen, welche die Bauminister*innen zwischen den vielen Arbeitsessen und Fototerminen bearbeiten müssen, stehen deshalb auch so wichtige Punkte wie:
    Stärkung inklusiver und nachhaltiger Stadtplanung – oder:

    Förderung einer gemeinwohlorientierten Politik auf lokaler Ebene.“

    Da sind sie in Potsdam ja genau richtig.

    Sicherlich werden sie in einem Stadtrundgang durch die neu entstehende Mitte die vielen nachhaltigen Abrisse bewundern und die energetisch wertvollen barocken Fakegebäude aus aufgeklebten Sandstein bestaunen. Auf dem Alten Markt und dem Lustgarten können sie die historischen Plätze sehen, die im Klimawandel für nachhaltig höhere Temperaturen sorgen. Blumen, Sitzecken, Wasserspender würden nur der Aufenthaltsqualität der Menschen dienen und stören in unserem barocken Museum.

    Auch in Sachen Klimaschutz ist Potsdam ein Musterschüler. Wir haben den Klimanotstand ausgerufen! Um diesen Zustand auch in Zukunft zu erhalten, werden weiter fleißig Bäume abgeholzt wie beim Nuthewäldchen, Flächen versiegelt, auf Abriss wie beim Staudenhof gesetzt.

    Unsere Radwege werden Jahr für Jahr ordentlich in Form von schmalen Streifen auf viel befahrene Straßen gemalt, zum Ausgleich fährt die Rathausspitze einmal im Jahr mit dem Fahrrad zu Arbeit – Stadtradeln nennen sie das.

    Natürlich ist die Stadtentwicklung in Potsdam inklusiv. Jedes Jahr unternehmen wir große Anstrengungen, neue superreiche Millionäre in die Stadtgesellschaft zu integrieren. Und bei Persönlichkeiten wie Hasso Plattner, Bild – Chef Döpfner oder Günther Jauch ist das gar nicht so einfach. Vor allem haben wir erkannt, wie wichtig ist, ihnen ihre Hobbys zu lassen. Sie kaufen nun mal gerne Häuser und Grundstücke, errichten Museen und schmücken sie mit barocken Skulpturen. Lasst sie spielen!
    In Potsdam sind neue Bewohner*innen immer willkommen. Insbesondere, wenn sie in Immobilien investieren und große, neue Glaspaläste für irgendwelche ausgedachten IT Ankermieter bauen.

    Im Ergebnis solcher Investitionen steigen in Potsdam Bodenpreise und Mieten kontinuierlich. Das garantiert den Immobilienunternehmen einen nachhaltigen Gewinn und motiviert Menschen, die sich das nicht leisten können. Potsdam zu verlassen. Das stärkt die Inklusion, weil nicht mehr so viele arme Bewohner*innen der Stadt integriert werden müssen.

    Deshalb ist Potsdam jetzt schon eine Stadt mit einer gemeinwohlorientierten Politik. Auch das ist ist ein guter Grund, warum die G 7 – Minister*innen von Potsdam lernen können. Seit vielen Jahren verkauft die Stadt ihre Grundstücke zu Höchstpreise an gemeinwohlorientierte Unternehmen wie die Instone Real Estate. Immobilienkonzerne wie Vonovia und die Deutsche Wohnen arbeiten völlig zurecht im Verband Brandenburgischer Immobilienunternehmen mit den kommunalen und genossenschaftlichen Unternehmen zusammen – sie eint ihre Gemeinwohlorientierung. Da bietet es sich natürlich auch an, dass sie mit der kommunalen Gesellschaft ProPotsdam immer gut kooperieren – sei es bei der Entwicklung des neuen Quartiers in Krampnitz oder Benefizkonzerten für ukrainische Geflüchtete.

    Nicht zuletzt verweigert sich die Stadt Potsdam aus gutem Grund den bekannten Instrumenten des Schutzes von Mieter*innen. Milieuschutz zeigt ja schon, dass es dabei um die Bevorzugung eines speziellen Milieus geht und nicht um das Gemeinwohl aller Menschen in der Stadt. Vorkaufsrechte, Umwandlungsverbote, Zweckentfremdungsverfahren – gut, dass es das in Potsdam alles nicht gibt.
    Anders als in vielen anderen Städten werden hier eben keine Bußgelder bei Zweckentfremdung erhoben, keine Sanktionen bei der Umwandlung von Miet – in Eigentumswohnungen verhängt.
    Potsdam ist eindeutig schon jetzt gemeinwohlorientiert.

    Deswegen freuen wir uns, wenn die G 7 – Bauminister*innen sich jetzt hier in Potsdam treffen. Sie können ganz viel von Potsdam lernen – vor allem, wie man eine Stadtpolitik macht, die zu den höchsten Miet – und Grundstückskosten im Osten Deutschlands führt und längst mit Städten wie München oder Frankfurt konkurriert.

    Protest oder Kritik brauchen sie hier nicht erwarten, die Stadt hat seit vielen Jahren Übung darin, wie man die Vorschläge und Sorgen der Stadtgesellschaft ignoriert. Das Modell, alle erfolgreichen Bürgerbegehren mit juristischen Tricks wirklungslos zu machen, haben sie schon zur Kunst erhoben. Die Wut der Menschen wird meist erfolgreich in Infoveranstaltungen kanalisiert – wenn längst alles entschieden ist.

    Also: Feiern Sie schön, machen Sie ein paar schöne Bilder und genießen Sie die vielen Arbeitsessen.
    Am Ende bleibt eh alles so wie es immer war in Potsdam: Die nächsten Mieterhöhungen kommen bestimmt.“

  • Immobilieninvestoren unterstützen die Jubeldemo!

    Wie auf vielen SPD – CDU – Parteitagen haben wir uns für unsere Jubeldemo um Sponsor*innen bemüht:
    Das Motto „Gemeinsam für Mieterhöhungen und Verdrängung“ hat viele bekannte Immobilienkonzerne und Investor*innen, die ihr Geld in Potsdam anlegen dazu motiviert, uns mit beträchtlichen Beiträgen zu unterstützen.

    Als Gegenleistung geben wir ihnen hier noch einmal die Möglichkeit zur Werbung.
    Im Folgenden haben wir alle unsere Dossiers und Recherchen zusammen gestellt, welche die spannenden Geschäftsmodelle solcher Unternehmen präsentieren und zeigen, wie sie ihr Geld verdienen.

    KW Development

    Hedera Bauwert

    von Kenne und Dietrich

    Vonovia

    Dahler & Company und Henrik Ulven

    Nuthewäldchen

    Von Potsdam nach Panama und zurück

    M. Zeligman und die Concept oil Services Ldt.

    Wolfhard Kirsch

    Speicherstadt

    Deutsche Wohnen

    Viel Spaß beim Lesen, Ärgern und weiter recherchieren – es lohnt sich!